Wolfsnacht

"Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist."
Lara starrte weiter auf das Bild zwischen ihren Fingern. Die Konturen des Mannes waren unscharf, die Apparate gaben in jener Zeit nicht viel her. Die Nase war schmal und gebogen, die Züge kantig, schwarze Haare hingen zu einem Zopf geflochten nach hinten. Der Mann gehörte zu einer der letzten Gruppen, die sich zur Wehr setzten, als die Soldaten versuchten, sie in die Reservate zu treiben. Dort gab es wenig Wild und das Ackerland war hart und trocken.
"Es gab viel zu tun den Tag durch." Sie legte das Bild hin und faltete die Arme vor der Brust.
Bill lehnte in der Tür. "Ich kenne ein Lokal in der Nähe."
Sie deutete auf die Bilder. "Ich habe noch nicht die Hälfte der Arbeit erledigt."
Sie hatte gleich gewusst, dass Bill ein Problem für sie bedeutete. Sie konnte es riechen, als er sich auf die Tischkante setzte und die Bilder ohne Interesse betrachtete. Schweisstropfen standen trotz der Kälte draussen auf seiner Stirn. Die ersten Tage des Dezembers hatten die Stadt in einen frostigen Griff genommen.
"Das ist vielleicht eine Hitze." Er wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. "Jemand sollte sich um die verdammte Heizung kümmern, die Maschine müsste längst ausgewechselt werden."
Das Bürogebäude war in den ersten Jahrzehnten des verstrichenen Jahrhunderts errichtet worden. Die Heizung war ein Ungetüm aus verchromten Röhren und dampfenden Ventilen, ein Überbleibsel einer vergangen Epoche.
Der Raum hinter ihm lag im Dunkeln. Lara hatte nicht bemerkt, wie viel Zeit verstrichen war.
Sie biss sich auf die Lippen, um ihre Gefühle nicht zu zeigen. "Es tut mir leid."
Ein Sturm war angekündigt, und sie beabsichtigte, vor dem Regen zu hause zu sein.
Er wandte sich mit einem Achselzucken ab. "Wir kommen darauf zurück."
"Bestimmt."
Die Tür schloss sich mit einem metallischen Knacken in seinem Rücken. Sie atmete langsam aus. Sie wusste nicht, weshalb sich stets die falschen Männer für sie interessierten. Zwischen den Fotografien stand eine kleine Figur aus schwarzem Vulkangestein, die sie von Lucie erhalten hatte. Die Figur besass eine breite Schnauze und einen zerzausten Schwanz. Die winzigen Augen blickten sie teilnahmslos an. Lucie stammte aus Vietnam und lebte in der Wohnung neben Lara. Lucie arbeitete die meiste Zeit an irgendwelchen Skulpturen, die sie in einer Kunstgalerie im Südteil der Stadt verkaufte. Sie war ständig mit Männern zusammen, allerdings wusste Lara nicht, ob sie dabei glücklich war.
Lara schob die Fotografien zusammen, um sie in einer Schublade zu verstauen und nahm ihre Jacke. Sie erwischte eine einsame Liftkabine nach unten. Der Nachtportier sass vor einem Fernsehgerät, in dem die Aufzeichnung eines Baseballspiels lief. Der Mann beachtete sie nicht weiter, als sie durch die Drehtür nach draussen schlüpfte.

Die blecherne Stimme des Nachrichtensprechers kam aus einem Lautsprecher an der Wand. Lara stand vor einem Regal mit Videokassetten. Sie betrachtete die Bilder einer Kassette, es war ein Hollywood Streifen. Sie konnte sich nicht erinnern, wie oft sie den Film bereits gesehen hatte, doch die letzte Szene brachte sie jedes mal zum Heulen. Über die öffentlichen Kanäle lief an diesem Abend nichts interessantes, ein Auffrischen alter Gefühle war die angenehmere Alternative. Sie zog eine Dose Orangensaft aus dem Kühlgerät und steckte eine Tüte Chips dazu, dann reihte sie sich in die kurze Schlange vor der Kasse.
Auf dem Bildschirm klebte das bleiche Gesicht einer Polizistin. Der Wind zerzauste ihre Haare. Die Kamera schwenkte zur Reporterin hin.
"Die Polizei vermutet, dass es sich bei dem Täter um dieselbe Person handelt, die seit Tagen gesucht wird."
Lara kannte die Stelle. Die Kamera stand an einer Strassenecke nicht weit von dem Videoladen. Die Reporterin klammerte sich mit bleichem Gesicht an das Mikrofon. Verbrechen waren nichts ungewöhnliches in der Stadt. Es gab zu viele Männer mit zu vielen Schusswaffen. Doch ein verrückter Serienmörder war das letzte, was sie brauchten.
"Zwei fünfzig, Schätzchen." Der Verkäufer grinste und schob ihr die Videokassette hin.
Sie reichte ihm einen zerknitterten Geldschein über den Tisch und steckte das Wechselgeld ein. Es gab Tage, an denen sie kein Lächeln zu Stande brachte. Hastig steckte sie die Kassette in die Jacke und nahm die Tüte mit den Chips und den Orangensaft. Sie hatte die feste Absicht, einen Abend zu verbringen, der nicht aus der Reihe fiel, einen einsamen Abend vor ihrem Fernsehgerät. In einer Ecke standen zwei Jugendliche vor einem Stapel mit billigen Horrorfilmen. Der Mann hatte einen blonden Kamm auf dem Kopf, seine Freundin eine Stachelfrisur. Sie blickten ihr nach, als stamme sie aus einer anderen Welt. Die Stimme der Reporterin hinter ihr verstummte, als sie den Laden verliess.
Der Wind fuhr in ihre Kleider. Der Geruch des aufziehenden Sturms lag in der Luft. Sie blieb vor dem Geschäft stehen und blickte die Strasse hinunter. Der Verkehr steckte fest. Es war unmöglich, in diesen Stunden mit dem Wagen voran zu kommen, doch es gab immer welche, die es versuchten. In einiger Entfernung blinkten die Lichter von Polizeifahrzeugen. Erste Regentropfen zogen über ihr Gesicht. Sie sog die Luft ein. Das Gewitter hatte den Stadtrand erreicht. Sie drehte sich in die entgegengesetzte Richtung und machte sich auf den Weg. Die Wohnung lag nicht weit. Es lohnte sich nicht, das Geld für eine Taxe auszugeben, die ohnehin nicht voran kam.

Der Regen wurde heftiger. Sie eilte die letzen Meter zu ihrer Adresse. Vor der Haustür blieb sie stehen und wühlte nach dem Schlüssel durch ihre Taschen. Schatten dehnten sich in den benachbarten Hauseingängen. In einer Ecke bemerkte sie Gestalten. Die Erinnerung an die Bilder machten sie nervös. Sie versuchte, ihre Hand ruhig zu halten, als sie das kalte Metall des Schlüsselbunds spürte.
"Komm schon", murmelte sie ungeduldig.
Geräusche wurden lauter. Gedämpfte Schläge, ein schmerzerfülltes Stöhnen antwortete. Sie wandte den Kopf herum. Eine Mülltonne war umgestürzt, daneben stand eine Gruppe. Sie kniff die Augen zusammen, doch sie hatte in der Dunkelheit noch nie gut sehen können. Sie wusste nicht, wieviele es waren, wollte in nichts verwickelt werden. Dann stürzte eine der Gestalten auf den Boden.
"He Leute!" rief sie erschrocken. "Macht keine Sachen."
Gesichter wandten sich in ihre Richtung. Sie wich zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Tür stiess. Sie hatte keine Waffe, nichts, womit sie sich wehren konnte. Doch die Männer wandten sich ab und entfernten sich ohne Eile. Sie zögerte eine Sekunde, ihr Herz raste, dann ging sie zu dem Mann, der am Boden lag.
"Alles in Ordnung?"
Sie blickte sich um. Niemand war in der Nähe, der helfen konnte. Auf der anderen Seite gab es eine Bar, vor der den Sommer durch immer Betrieb war, doch an diesem Abend hingen die Rolläden vor den Fenstern, die Bar war geschlossen und die Strasse lag verlassen vor ihr. Der Mann bewegte sich schwach, stiess ein leises Wimmern aus.
Besorgt kniete sie neben ihn. "Können Sie aufstehen?"
In den Augen des Mannes schimmerte der fahle Schein des Mondes, der zwischen den schwarzen Gewitterwolken aufflackerte.
"Du riechst gut", stiess er aus.
Es war nicht die Antwort, die sie erwartet hatte. Sie legte die Tüte hin und half ihm dabei, sich aufzurichten. Er zuckte bei der Bewegung zusammen.
"Ich wohne gleich hier", erklärte sie. "In der Wohnung gibt es Verbandszeug und ein Telefon, falls Sie eine Ambulanz benötigen."
Mit ihrer Hilfe kam er auf die Beine. Er legte einen Arm um ihre Schulter. Mit jeder Stufe, die sie nach oben stiegen, nahm sein Gewicht zu.
"Bleib bloss bei Bewusstsein", stiess sie aus.
Sie wusste, dass sie ihn nicht ohne seine Hilfe bis in die Wohnung bringen würde. Doch irgendwie schafften sie die Treppe. Sein Atem kam in kurzen Stössen, während er sich auf dem Bett ausstreckte. Sie verriegelte die Tür und wischte sich die feuchten Haare aus der Stirn. Das Zimmer war nicht aufgeräumt. Kleidungsstücke lagen überall auf dem Boden, Teetassen und schmutzige Teller standen auf dem Tisch in einer Ecke des Raumes. Über einem Stuhl hing ihre Unterwäsche des vergangenen Tages. Sie hatte sich in der letzten Zeit um wenig anders als die Arbeit gekümmert. Doch der Mann hatte die Augen geschlossen und schien nicht auf die Unordnung zu achten. Unter einem Ledermantel trug er ein dünnes T-Shirt. Es war auf einer Seite aufgeschlitzt, Blut sickerte aus einer Schnittwunde, doch die Verletzung schien nicht tief zu sein. Sie spürte seine Brieftasche und zog sie aus dem Mantel. Auf einer Sozialversicherungskarte klebte sein Bild. Sein Gesicht wirkte jünger, das Lächeln beinahe schüchtern. Unter dem Bild stand sein Name, William Wulff.
"Freut mich, dich kennen zu lernen", sagte sie leise.
Sie steckte die Brieftasche zurück und schob das T-Shirt hoch. Sein Körper war dünn, die Rippen zeichneten sich deutlich ab. Eine Schicht silberner Haare bedeckte seine Haut. Er war kein hübscher Mann, doch sein Gesicht gefiel ihr. Sie misstraute ihre Gefühlen, die meiste Zeit hatten sie ihr nichts weiter als Schwierigkeiten gebracht. Sie gähnte, die Zeiger der Uhr neben dem Bett standen auf zehn nach zwölf. Sie verliess das Zimmer, um den Kasten mit dem Verbandzeug zu holen.

Lara erwachte mitten in der Nacht. Ein fremder Geruch hing im Zimmer. Sie lag mit dem Kopf auf der Matratze, das Bett neben ihr war leer. Draussen erklang das Heulen einer Polizeisirene. Die Leute waren niemals zur Stelle, wenn sie gebraucht wurden. Schweiss klebte in einer kalten Schicht auf ihrer Haut. Sie fühlte sich unwohl, doch sie konnte es sich nicht leisten, krank zu werden.
Mit dem Mann waren alle Spuren seiner Anwesenheit verschwunden. Das war zu erwarten gewesen. Niemand würde einen Fremden in der Nacht mit auf die Wohnung nehmen, nicht in dieser Stadt. Sie blickte sich besorgt um. Das Fernsehgerät stand noch in der gewohnten Ecke, die Stereoanlage befand sich daneben wie zuvor. CDs lagen verstreut darum herum. Ihr Musikgeschmack war chaotisch. Selbst die Brieftasche steckte noch in ihrer Jacke, zusammen mit dem Geld und den Kreditkarten. Sie setzte sich wütend vor das Fernsehgerät und überlegte, ob Lucie zu hause war. Aus der angrenzenden Wohnung drang kein Geräusch. Entweder schlief sie oder steckte in einer Bar irgendwo in der Stadt zusammen mit Ed, ihrem gegenwärtigen Freund. Lara hatte ihn erst bei einer Gelegenheit gesehen, er besass ein schweres Motorrad und machte ganz auf Rebell. Lucie suchte sich ihre Freunde stets nach dem gleichen Muster aus. Lara war zu müde, um die Videokassette einzulegen, sie nahm die Fernbedienung und klickte sich durch die Kanäle.
Sie folgte gelangweilt einer der unvermeidlichen Talkshows, als das Telefon klingelte. Sie starrte auf die Uhr. Es war nach drei, eine ungewöhnliche Zeit für einen Anruf. Besorgt nahm sie den Hörer.
Es dauerte eine Weile, bis sie die Stimme erkannte. "William", sagte sie dann. "Woher haben Sie meine Nummer?"
Er ignorierte die Frage.
"Ich brauche deine Hilfe, ich stecke in Schwierigkeiten."
Das war nichts neues, dachte sie bitter.
"Sie können nicht einfach hier anrufen." Es fiel ihr schwer, klar zu denken. "Ich kenne dich kaum. Weshalb bist du einfach verschwunden?"
Seine Stimme klang angespannt. "Ich wollte dich nicht weiter belästigen."
Ihr wurde plötzlich kalt. Sie zog eine Wolldecke über die Beine.
"Die Leute hier denken, dass ich jemanden umgebracht habe."

Das Polizeigebäude befand sich nicht weit in einem alten Bau aus den Gründungsjahren der Stadt. Düstere Figuren krallten sich über dem Eingang in das verwitterte Mauerwerk. Sie hatte den altmodischen Baustil immer gemocht, doch in dieser stürmischen Nacht hätte sei einen einfallslosen Betonwürfel aus dem Bauwahn der siebziger Jahre vorgezogen. Zwei Streifenwagen standen vor dem Gebäude. Eine Gruppe Polizisten unterhielt sich gelangweilt daneben. Die Blicke folgten Lara, während sie die Treppe hoch stieg. Die Eingangshalle war schäbig, der Stadt fehlten als Folge der Wirtschaftskrise die Mittel, um die alten Bauten instand zu halten. Von den Mauern bröckelte der Verputz, Schäden in den Bodenfliessen waren nur notdürftig ausgebessert worden.
Hinter einer Theke aus dunklem Eichenholz sass ein Beamter über einer Zeitschrift. Er hob kaum den Kopf, als sie vor ihm stehen blieb. In einer Ecke kauerte eine Frau auf einem klapprigen Hocker. Sie kaute auf einem erloschenen Zigarettenstummel und versuchte, mit einem winzigen Spiegel die verwischte Schminke in Ordnung zu bringen. Lara verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf den Polizisten, bis dieser das Blatt beiseite schob.
"Ich bin wegen William Wolf hier."
Er zuckte mit einer Schulter. "Ist das so?"
Sein Finger wanderte die Liste auf einem Steckbrett hinunter. Er nannte eine Nummer und deutete nach hinten. Der Gang war schlecht beleuchtet, Türen säumten die Ränder. Sie ärgerte sich über die unmögliche Lage, in die sie William gebracht hatte. Vor einer Tür mit einem verbeulten Messingschild dran blieb sie stehen. Eine Frau öffnete auf ihr Klopfen. Sie besass kurze blonde Haare und ein breites Kinn, ihr Blick richtete sich kühl auf Lara. William sass in der Mitte des Verhörzimmers an einem Holztisch, den Kopf auf die Hände gestützt, die Haare fielen in sein Gesicht. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie seine niedergeschlagene Haltung sah.
Ein Mann deutete auf einen Stuhl. "Mein Name ist Kovalski. Setzen Sie sich."
"Ich dachte nicht, dass du kommen würdest", sagte William leise.
Er hatte ihr keine Wahl gelassen.
Der Polizist blätterte durch die Seiten eines Notizblocks. "Dieser Mann wurde in der Nähe des Tatorts aufgegriffen. Sein Verhalten war verdächtig, und als die Beamten ihn ansprachen, versuchte er zu fliehen." Er sah Lara an. "Er behauptete, die Nacht mit ihnen verbracht zu haben."
Sie zuckte zusammen. Sie wollte erwidern, dass nichts zwischen ihnen war, dass sie William geholfen hatte, als niemand anders verfügbar war. Weiter war nichts vorgefallen, Officer. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie eingeschlafen war, hatte keine Ahnung, wie spät es war, als William die Wohnung verliess. Sie wusste nicht, ob sie ihm trauen konnte.
"Sie hat nichts mit der Geschichte zu tun. Lasst Sie gehen", murmelte William.
Lara las aus den Blicken der Polizisten, was sie von ihr hielten. Sie presste die Lippen zusammen.
"William war die ganze Zeit bei mir", stiess sie dann aus.
Kovalski nickte. "Ich vermutete, dass Sie etwas ähnliches sagen würden." Er lehnte sich gegen die Tischkante. "Das klärt die Sache."
Seine Begleiterin zog eine Zigarette aus der Jacke und steckte sie in den Mund.
"Ich bin müde", erklärte Lara. "Können wir gehen?"
Sie hatte unter dem Hemd zu schwitzen begonnen und hoffte, dass die Beamten ihre Gefühle nicht bemerkten.
Kovalski strich mit einem Finger über ihre Wange. "Sie sind eine hübsche Frau. In der Stadt geschehen viele Verbrechen. Sie bemerken nicht viel davon. Es ist unsere Aufgabe, damit fertig zu werden. Sie sehen die Berichte im Fernsehen, lesen in den Zeitungen darüber." Er zog beiläufig eine Waffe aus der Jacke, um damit auf William zu deuten. "Aufgrund Ihrer Aussage wird kein Richter der Welt diesen Mann hier einsperren." Er sah sie mit gerunzelter Stirn an. "Wir wissen beide, dass Sie nicht die Wahrheit sagen. Mir sind die Gründe egal. Kann sein, dass er es Ihnen im Bett besser besorgt als die anderen. Es kümmert mich nicht. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Mann vermutlich ein Mörder ist." Er rieb sich mit dem Lauf der Waffe das Kinn. "Ich kann einen Mörder nicht laufen lassen, das werden Sie verstehen."
Lächelnd streckte er den Arm aus und schoss. William stürzte nach hinten. Lara sprang aus dem Stuhl, ihre Ohren schmerzten durch das Geräusch der Waffe, ihr Puls raste. Sie starrte entsetzt auf die Waffe in Kovalskis Hand. Gelassen steckte er sie zurück und gab der Frau ein Zeichen. Sie nahm Laras Arme und zog sie hinter den Rücken.
"Bleib vernünftig, dann geschieht dir nichts", warnte sie Lara.
Lara zitterte. Der Raum kreiste um sie. Sie konnte die heisse Glut der Zigarette neben ihrem Kopf spüren.

Es gab wenig Licht, William lag auf einer schmalen Bank, das Hemd aufgeknüpft, verkrustetes Blut bedeckte seine Haut. In der Dunkelheit war das schwache Heben und Senken der Brust kaum zu erkennen. Lara kauerte in einer Ecke, die Beamten hatten sich nicht die Mühe gemacht, ihr Handschellen anzulegen, sie stellte keine Gefahr dar. Sie starrte durch ein winziges Fenster unter der Decke in das fahle Licht des Monds, der an dem schwarzen Nachthimmel hing. Die Gewitterwolken waren weiter gezogen.
Sie drehte den Kopf, als die Zellentür geöffnet wurde, und die Polizistin mit den blonden Haaren den Raum betrat.
"Lassen sie uns gehen", sagte Lara und wünschte, ihre Stimme würde fester klingen. "William braucht ärztliche Hilfe."
Die Frau blieb vor der Liege stehen. "Die Wunde beginnt sich zu schliessen. Der Mann verfügt über eine besondere Konstitution." Ihre Zähne schimmerten zwischen den dunklen Lippen, als sie sich neben Lara kniete. "Sein Vorgehen entspricht nicht den Vorschriften, doch die Situation ist ungewöhnlich, die Beteiligten sind ungewöhnlich."
Ihre Finger wanderten über Laras dünnes Hemd. "Du brauchst keine Angst zu haben. Falls du mit uns zusammen arbeitest, geschieht dir nichts."
Lara konnte ihren heissen Atem spüren. Sie liess die Hand nach unten gleiten, schob sie unter das Hemd und begann, Laras Brüste zu streicheln. Die Polizistin verhielt sich nicht richtig. Lara versuchte, zurückzuweichen, doch die Wand in ihrem Rücken versperrte den Weg.
"Ich kann deine Lust riechen", flüsterte die Frau. "Wehre dich nicht dagegen. In dir fliesst dasselbe wilde Blut."
Lara schüttelte den Kopf. Ihre Sinne weiteten sich, die Berührungen der Frau erregten sie trotz ihrem Widerwillen. Die fremden Hände waren überall auf ihrem Körper, schoben sich zwischen ihre Lippen, streichelten die Beine. Dann blickte sie auf und bemerkte Kovalski, der in der Tür stand und mit einem breiten Grinsen auf ihre nackten Brüste starrte. Wütend stiess sie die Frau zurück. Die Polizistin richtete sich auf.
"Wir machen später weiter", versicherte sie.
Dann folgte sie Kovalski aus der Zelle. Mit zitternden Fingern zog Lara das Hemd über die nackte Haut. Tränen liefen über ihre Wangen.
Es dauerte eine Weile, bis sie wieder ruhig atmen konnte. Ihre Augen irrten durch den Raum und blieben an dem schmalen Spalt hängen, den die Zellentür offen stand. Sie zog sich an der Wand hoch. Es würde nicht lange dauern, bis jemand kam und die unverschlossene Tür bemerkte. Sie war erschöpft, doch sie konnte William nicht zurück lassen. Sein Gesicht war eingefallen durch den Blutverlust. Ihr Blick blieb an den Lippen hängen, noch immer strömte eine Leidenschaft durch ihren Körper. Verärgert schüttelte sie den Kopf. Es war der falsche Ort, um den Mann zu begehren. Sie wusste nicht, ob sie ihm trauen konnte. Sie legte eine Hand an seine Schulter, und er öffnete die Augen.
"Hi", sagte er schwach.
"Wir müssen hier verschwinden."

Der Streifenwagen rollte im Schrittempo durch die Strasse vorbei an einer Reihe qualmender Müllcontainer. Die Gesichter der Insassen waren hinter den schmutzigen Scheiben kaum zu erkennen. Blaues und rotes Licht streifte die Wand des Musiklokals. Die Mauer war mit den Plakaten der Gruppen bedeckt, die in den vergangenen Wochen gespielt hatten. Einige der Leute vor dem Eingang wandten den Kopf und blickten kurz in die Richtung des Wagens, doch die meisten kümmerten sich nicht um die Polizisten. Es war kalt, Dunstwolken bildeten sich beim Atmen vor den bleichen Gesichtern. Der Streifenwagen verschwand um eine Ecke am Ende der Strasse. Der Eingang des Lokals schwang kurz auf. Aus dem Inneren drang das gedämpfte Hämmern eines Schlagzeugs.
Lara blickte dem Streifenwagen nach. Sie hatte nicht erwartet, dass ihnen die Flucht aus dem Polizeigebäude gelingen würde, doch irgendwie hatten sie einen unbewachten Ausgang gefunden, der in einen verlassenen Hinterhof führte. William lehnte neben ihr im Schatten eines Hauseingangs. Sie konnte das Zittern der Muskeln und die fiebrige Wärme seines Körpers durch die Kleider spüren. Seine Haut war fahl, sie wusste nicht, wielange er sich noch auf den Beinen halten konnte. Der Nachtwind frass sich durch ihre Kleider, ein Nieselregen ging als letzte Erinnerung an den Sturm über die Stadt. Sie mussten von der Strasse weg, sonst würden sie nicht weit kommen, doch sie wusste nicht, wohin sie gehen sollten. Sie wagte nicht, mit William in ihre Wohnung zurückzukehren, es war der erste Ort, an dem die Polizisten suchen würden.
"Es wird nicht lange dauern, bis sie uns hier aufspüren", flüsterte William neben ihr.
Er hielt eine Hand an die Seite. Sie wusste, dass die Schusswunde wieder zu bluten begonnen hatte. Sie schlang die Arme um die Brust und versuchte, nicht loszuheulen. Als sie aufblickte, stand Bill vor ihr.
"Bill", stiess sie fassungslos aus.
Sein Gesicht hellte sich auf. "Lara!" Dann bemerkte er William neben ihr und runzelte die Stirn. "Ist das ein Freund?"
Sie zuckte mit einer Achsel. "Lass mich in Frieden."
Sie war nicht in der Stimmung, seine Aufdringlichkeit hinzunehmen.
Er beachtete die Antwort nicht und deutet in die Richtung des Lokals. "Das Konzert hat eben begonnen, die Band ist wirklich gut."
Über dem Eingang blinkte eine Neontafel, Moonlight Club stand darauf. Der Name passte zu der Nacht. Sie war vor Wochen mit Lucie hier gewesen, erinnerte sie sich. Die Musik hatte ihr gefallen, doch sie konnte nicht viel mit den Leuten anfangen. Sie starrte in den schwarzen Nachthimmel, das Licht des Mondes zehrte an ihren Nerven.
"Kommt ihr, oder lasst ihr es?"
Sie starrte Bill feindselig an, dann zuckte sie mit einer Achsel.
"Weshalb nicht?"
Bill konnte nichts dafür, dass sie ihn nicht mochte. Sie brauchten ein Versteck. Die Aussicht, sich eine Weile im Gedränge der Leute aufzuwärmen, war verlockend.
William wankte neben ihr über die Strasse. Der Türsteher machte ihnen mit gebleckten Zähnen Platz, als er Lara sah. Seine Augen folgten ihrem Körper, ignorierten ihre Begleiter.

Eine Metalltreppe führte nach unten. Sie zwängten sich an den Leuten auf den Stufen vorbei, die meisten trugen schwarze Lederjacken. Die Musik war zu laut, doch das störte sie nicht weiter. Der Geruch der Menge drang in ihre Nase, Alkohol, Nikotin und eine unterschwellige Leidenschaft, die sie erregte. Auf einer kleinen Bühne in der Mitte des Lokals bewegten sich zwei Tänzerinnen. Silberner Staub glänzte auf nackter Haut. Bill starrte grinsend in die Richtung der nackten Brüste. Lara half William zu einem Tisch, der am Rand des Lokals stand.
"Ich besorge uns etwas zu trinken."
Er nickte. "Ich komme klar", versicherte er.
Doch er sah aus, als würde er sich ohne ihre Hilfe kaum aufrecht halten können. Neben Bill lehnte ein Mann an der Bar. In seinem Ohr steckte ein Ring, er trug die Haare kurz rasiert. Ihr gefielen die Blicke nicht, mit denen er sie betrachtete, doch er sah nicht wie ein Polizist aus.
Sie berührte Bill am Arm. "Kümmere dich eine Sekunde um William, klar?"
"Ziemlich viel los hier", meinte er.
"Du hast keine Ahnung."
Er starrte ihr verdutzt nach, dann setzte er sich mit einem Achselzucken hin. Lara suchte sich einen Weg durch die Menge. Die Theke stand auf der anderen Seite. Aus den Röhren unter der Decke strömte weisser Dunst. Ihre Nackenmuskeln schmerzten. Ein Mann legte eine Hand um ihre Hüften, sein Atem schlug ihr in das Gesicht. Sie winkelte einen Arm an, um ihn wegzustossen.
"Lara."
Die Musik war beinahe zu laut, um ihn zu verstehen, doch sie erkannte das Gesicht im flackernden Licht der Scheinwerfer.
"Ed."
"Du siehst nicht gut aus."
"Ist Lucie hier?" Sie könnte ihre Hilfe brauchen.
Er zuckte mit einer Schulter. Eine Frau mit blonden Haaren und grossen Brüsten hing an seinem Arm, sie betrachtete Lara mit leeren Augen.
"Falls du Lucie siehst, sag ihr, dass ich nach ihr gefragt habe."
Er nickte. "Es ist nicht so, wie du denkst."
"Klar."
Sie liess ihn zwischen den Leuten stehen. Hinter der Bar steckte ein Mann mit langen Rastalocken. Über den Bildschirm wischte das Gesicht eines der Musiker auf der Bühne. Sie kannte das Stück, dass sie spielten, doch sie konnte sich nicht richtig erinnern.
"Drei Bier, Mann."
Der Barmann nickte, seine Augen streiften kurz ihre Brüste, dann zog er die Flaschen aus dem Kühlfach und stellte das dampfende Glas vor sie hin. Sie reichte ihm mit einem schwachen Lächeln einen Geldschein und tauchte mit dem Bier zurück in die Menge. Als sie sich zwischen die beiden Männer an den Tisch zwängte hob William den Kopf. Bill nahm das Bier und begann hastig zu trinken, während seine Augen über die Gesichter der Leute strichen.
Lara beobachtete die Band, die mit ihren Instrumenten auf der Bühne standen. Die Musiker trugen Lederjacken, bis auf den Sänger hatten alle Wolfsmasken übergestreift. Die Leute tanzten wie verrückt zu dem Stück. Sie spielten einfache Riffs, doch Lara gefiel die Musik. Bill wippte mit dem Kopf neben ihr. Als er ihren Blick bemerkte, deutete er auf die Bühne.
"Möchtest du tanzen?"
Sie antwortete nicht.
Er verzog das Gesicht. "Du hast eine falsche Vorstellung von mir", erklärte er.
"Das ist nicht wichtig", erwiderte sie bloss.
"Die Band ist wirklich gut", meinte er dann.
"Ich habe die Leute noch nie spielen gehört."
Er zuckte mit einer Achsel. "Sie sind noch nicht lange zusammen."
Eine der Tänzerinnen hatte ihre Arme um den nackten Oberkörper des Gitarristen geschlungen. Sie rieb ihre Brüste an seinem glänzenden Rücken, während er wie besessen auf die Seiten seines Instruments eindreschte.

Dann krallte sich der Sänger das Mikrofon zwischen die Zähne. Speichel tropfte von seinen Lippen. Er streckte die Arme aus und stierte mit blutunterlaufenen Augen zwischen die Leute. Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Lara bemerkte, dass er mehr Zähne hatte, als üblich war. Die Musiker hörten auf zu spielen, alle Geräusche verstummten unvermittelt in dem Musiklokal.
"Es ist die Stunde des Tieres", keuchte der Sänger.
Lara sog die Luft erschrocken ein. Die Haut in seinem Gesicht geriet in Bewegung, Knochen schienen ihre Form zu ändern, sein Kiefer dehnte sich, die Augen zogen sich nach hinten.
"Das nächste Stück wird euch gefallen." Die Worte schmerzten in ihren Ohren. "Ein Tribut an diesen Musikklub."
Lara blickte sich nach den Ausgängen um, doch das Lokal war überfüllt. William stöhnte neben ihr. Seine Hand klammerte sich an ihren Arm. Er versuchte ihr etwas zu sagen, doch über seine Lippen kam kein Ton. Der Sänger blickte direkt in ihre Richtung. Sie konnte das Pulsieren der Adern unter seiner Haut erkennen. Die Musiker rissen sich die Masken von den Köpfen, Schweiss glänzte auf ihren Oberkörpern, die Gesichter waren ganz riesige Fangzähne und glühende Augen.
"Das verdammte Stück heisst Wolfsnacht!" brüllte der Sänger.
Er stiess ein langgezogenes Heulen aus. Die Tänzerin versuchte, von der Bühne zu klettern. Doch der Gitarrist erwischte sie. Er legte seine Hände um ihren Schädel und riss ihn mit einem Ruck nach hinten. Lara konnte das hässliche Geräusch der berstenden Knochen deutlich hören. Die Frau sank neben dem Gitarristen auf den schmutzigen Boden. Die Musiker nahmen ihre Instrumente und legten los. Die meisten Leute versuchten, in die Richtung der Ausgänge zu fliehen, doch sie kamen nicht weit. Die ersten stürzten auf den Boden und versperrten den nachfolgenden den Weg. Die Schreie der Leute schmerzten in Laras Ohren. Als sie den Kopf drehte, stand der Mann mit dem Ohrring neben Bill. Sein Gesicht hatte sich verändert. Die Haut war mit dichten Haaren bedeckt, Knochen schoben sich durch das Fleisch. Er verdrehte die Augen, dann beugte er sich mit einem hungrigen Knurren nach vorn und grub seine Zähne in Bills Kehle. Bill versuchte sich zu wehren, doch der Mann war ungeheuer stark. Blut spritzte über den Tisch. Bills Beine zuckten eine Weile, dann wurde sein Körper still.
Der Mann hob den Kopf und wischte sich das Blut von den Lippen.
Er blickte Lara grinsend an. "Du bist die nächste", erklärte er
Seine Nase war bis auf zwei schmale Löcher verschwunden. Lara konnte sich nicht bewegen. Plötzlich stand William neben dem Mann, er schlug ihm eine Bierflasche über den Schädel. Glassplitter regneten auf den Tisch. Der Mann stürzte nach hinten in die Menschenmasse.
William packte ihren Arm. "Hinter die Theke", stiess er aus und deutete in die Richtung.
Sie umklammerte seine Hand, während sie sich durch die Menge drängten. Zwei Gestalten wälzten sich auf dem Boden. Ein Mann hämmerte heulend mit den Fäusten auf die Kreatur ein, die auf ihm kauerte und die Schnauze in seine Brust tauchte. Dann trampelten die fliehenden Menschen über ihre Körper. Vor der Theke stiessen sie auf den Barmann. Zwischen seinen Beinen steckte eine Frau. Sein Gesicht war mit Blut verschmiert, er war dabei, sich einiges von dem zurück zu holen, was er den Abend durch ausgeschenkt hatte.

Leute schrien. Es würde nicht lange dauern, bis die Arbeit des Tötens vollendet war und sie an die Reihe kamen. William lehnte neben ihr an der Theke, die Augen geschlossen. Sein keuchender Atem kam langsam, er wurde mit jeder Minute schwächer. Lara biss sich auf die Lippen, sie musste sich etwas einfallen lassen.
"Du kennst die alten Geschichten." Seine Stimme war kaum zu verstehen. "Es leben Wesen in dieser Stadt, die nicht wirklich Menschen sind."
Sie starrte ihn an, als zweifelte sie an seinem Verstand. Es war nicht die Zeit, Geschichten zu erzählen.
Doch er fuhr fort. "Die Rache der Vertriebenen war ein Fluch, zu jagen wie Tiere in der Nacht. Das Los wurde über die Generationen weiter gereicht unter den Nachkommen der Gründerväter der Stadt."
Als er die Augen öffnete schimmerten sie gelb. Seine Haut hatte sich zu verändern begonnen. Entsetzt versuchte sie durch den blutigen Matsch von ihm fortzukriechen.
"Du bist wie die anderen", keuchte sie.
Er streckte die Hand nach ihr aus. "Du brauchst dich nicht zu fürchten", versicherte er schwach. "Ich bin wie du."
Mit einem krachenden Geräusch landete ein Körper auf der Theke. Eds Kopf baumelte vor ihren Augen. Blut strömte aus seinem verzerrten Mund, eine Seite seines Gesichts hatte sich in einen blutigen Krater verwandelt. Sie zuckte zusammen als sie bemerkte, dass er noch lebte.
"Hilf mir", stöhnte er.
Ein Wesen krallte sich in seinen Leib, halb Mensch, halb Tier. Vertraute Augen betrachteten sie, während es die Brust aufriss, um das Herz zu zerfleischen.
"So trifft man sich wieder", sagte das Wesen dann.
"Kovalski", stiess sie aus.
Sie bemerkte eine Bewegung im Augenwinkel. William landete neben dem blutenden Leib auf der Theke. Ein struppiges Fell bedeckte seinen Körper, lange Zähne wuchsen aus dem Mund. Er hielt den Kopf gesenkt, zog die Lippen nach hinten und knurrte drohend. Doch Lara entging das Beben seiner Hinterbeine nicht, Blut rann aus der Wunde an seiner Seite.
Kovalski bleckte die Zähne. "Deine Zeit ist abgelaufen, Freak."
Mit einer beinahe nachlässigen Bewegung schlug er William die Pfote über das Gesicht. Lara zuckte zusammen, als sie das Blut bemerkte, das aus der aufgerissenen Haut spritze. William strauchelte, er verschwand über den Rand der Theke und kam nicht wieder hoch.

Ohne Mühe zog Kovalski sie an seine Seite. Schweiss glänzte auf der nackten Haut seiner Brust. Seine Verwandlung war unvollständig, er war ein Flickwerk menschlicher und tierischer Elemente. Die Augen funkelten zwischen dichten Augenbrauen.
"Die Zeit für Spiele ist abgelaufen", knurrte er. "Ich kann dir geben, was du verdienst."
Sie fühlte sich wehrlos in seinen Armen. Der Wunsch, sich ihm hinzugeben, wurde überwältigend. Durch das Wummern in ihren Ohren hörte sie Stimmen, die sie aufforderten, sich zu unterwerfen. Sie blickte in die Menge, die sich hinter ihm versammelt hatte. Es war eine groteske Versammlung von Geschöpfen, die meisten wie Kovalski im unvollendeten Zustand der Verwandlung. Und mit einem Mal wusste sie, dass sie dazu gehörte. William hatte ihr gesagt, dass sie wie er war. Doch sie hatte nicht auf seine Worte geachtet, die Zeit reichte nicht für Erklärungen. Sie war ein Teil des Rudels. Die Antwort vieler Fragen kam in Sekunden. Sie hatte nie viel über ihre Vorfahren nachgedacht. Sie wusste nicht, wielange sie bereits in der Stadt lebten, hatte keine Vorstellung davon, wie es ihnen gelungen war, ihre Andersartigkeit zu verbergen. Bruchstücke von Erinnerungen und Träumen wuchsen zusammen und bildeten zum ersten Mal ein vollkommenes Stück.
Gleichzeitig begriff sie, was Kovalski von ihr wollte. Es war nicht das Blut, das er begehrte, es war ihr Körper, den er besitzen wollte. Er war der Anführer des Rudels, und seine Wahl war auf sie gefallen. Sie stöhnte auf. Die Geschichte wiederholte sich ein weiteres Mal. Mit der Einsicht begann sich die Verwandlung beinahe von selbst zu vollziehen. Die Muskeln in ihrem Körper verknoteten sich. Sie krümmte sich schreien zusammen während die Knochen eine neue Form suchten. Ihre Sinne dehnten sich aus, umfingen den Gestank des Blutes und der Todesangst der verbliebenen Menschen, die sich irgendwo in der Dunkelheit versteckten und darauf warteten, dass das Töten von neuem begann.
Die Verwandlung dauerte nicht lange. Als sie sich aufrichtete, witterte sie die Erregung der Menge. William lag hinter ihr in der Dunkelheit, es steckte noch Leben in seinem Körper, doch sie spürte, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Kovalski grinste, als sie sich auf ihn zu bewegte. Sie war die Gefährtin, die er gesucht hatte, um sich mit ihr zu Paaren.
Sie knurrte wütend. Es gab zu viele Männer, die zu wissen glaubten, was für sie richtig war. Das Blut der Vorfahren hämmerte in ihren Adern. Eine blinde Wut loderte in ihr hoch, wischte ihre Unsicherheit beiseite. Sie warf sich auf Kovalski und suchte mit den Zähnen nach seiner Kehle. Sie stürzten zwischen die Menge, die hastig zur Seite wich. Lara war nicht vertraut mit dem fremden Körper, doch das ungewohnte Fleisch brachte Instinkte mit sich, die ihr weiter halfen. Es dauerte nicht lange, bis ihre Klauen eine erste Spur des Blutes durch sein Fell zogen. Er stiess ein Winseln aus und wich einen Schritt von ihr zurück. Seine Gestalt hatte die Verwandlung im Laufe des Kampfes beinahe zur Gänze vollzogen. Sein Fell war dicht und schwarz mit einigen weissen Flecken an den Seiten. Die Stimmen in ihrem Kopf waren verstummt. Das Rudel wartete auf den Ausgang des Kampfs, lauerte auf eine Schwäche des Anführers. Lara bemerkte rechtzeitig eine Bewegung der Muskeln in der Flanke des schwarzen Wolfs. Sie duckte sich und wich den Prankenschlägen aus, die in schwindelerregender Geschwindigkeit folgten. Kovalski versuchte den Kampf zu einem raschen Ende zu bringen, ohne eine eigene Verletzung zu riskieren. Sie hatte das Gefühl für die Zeit verloren. Ihre Leiber umkreisten sich während beide auf eine Schwäche des Gegners lauerten. Schliesslich zog sich Kovalski mit einem unwilligen Schnauben zurück.
"Was ist mit dir nicht richtig, Weib?" knurrte er.
Seine Gesichtszüge glätteten sich.
Sie sah ihn an. "Ich gehöre dir nicht."
Sie spürte, wie sich der Verwandlungsprozess in ihrem Körper umkehrte. Kovalski streckte einen Arm aus und starrte auf die Finger, die sich aus dem dunklen Fell schälten. Er deutete auf die Gestalt, die neben der Theke lag.
"Ich weiss nicht, was du an diesem Mann findest", erklärte er. "Er ist ein Versager."
Sie nahm die Reste ihrer Kleider und zog sie über die nackte Haut, die von neuem ihr Fleisch bedeckte.
"Du gehörst zum Rudel", erinnerte sie Kovalski. "Allein zwischen den Menschen kannst du nicht überleben. Du wirst immer anders sein."
William stöhnte hinter ihr.
"Er braucht meine Hilfe", erwiderte sie bloss.
Kovalski sah sie verächtlich an, dann wandte er sich ab. Die Augen der anderen folgten ihm bis zur Tür. Einige knurrten, doch keiner wagte es, ihn herauszufordern. Als er die Bar verliess, folgten sie ihm schweigend. Lara ging zur Theke. Sie starrte in Williams menschliches Gesicht, dann schob sie die Arme unter seinen Leib, um ihn aus dem blutigen Matsch zu heben.

Es war Nacht. In der Dunkelheit war von den beiden Gestalten, die auf einem Hügel vor der Stadt standen, wenig zu sehen. Irgendwo bewegte sich ein Tier zwischen den Häusern. Über den Dächern hing der Mond, inzwischen nur noch eine dünne Sichel, was die Sehnsucht nach dem kalten Schein beinahe erträglich werden liess.
Lara starrte in die Lichter der Stadt, lauschte auf das Raunen der Menschen und jener dazwischen, die waren wie sie. Die Kreatur neben ihr regte sich. Sie spürte seinen Blick auf der nackten Haut. Sein Geruch erregte sie. Doch es war nicht die sexuelle Intensität des Augenblicks, der sie fesselte, sondern das Gefühl, glücklich zu sein.

Wolfsnacht © 2000
Zuletzt bearbeitet: 6. Juli 2000

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