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Sterns Eclipse |
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| Der Raumfrachter verwandelte sich in eine leuchtende Sonne, die innert Sekunden verglühte. Viktor sass hinter der Scheibe der Bar, geblendet durch das gleissende Licht. Niemand konnte das Unglück überlebt haben. Der Antrieb war vermutlich unmittelbar vor dem Eintritt in den Hyperraum explodiert. Gleichzeitig begriff er, dass er wieder im Geschäft war, falls er sofort handelte. Die Musik in der Bar brach ab, vereinzelte Rufe durchbrachen die entsetzte Stille. Viktor blickte sich nach der Besatzung um. Er entdeckte Sarah neben einem Mann in einem weiten, schwarzen Ledermantel. Sie war damit beschäftigt, eine riesige Ladung Kokain durch eine transparente Röhre hochzuziehen und schien als einzige von der Explosion nichts mitbekommen zu haben. Als Viktor aufstand, wurde ihm übel, er hatte zuviel getrunken. Er kniff die Augen zusammen und schob sich durch die Menge. Sarah hob den Kopf, als er ihren Tisch erreichte. "Viktor, lass mich bloss in Frieden." Ihre Nase war mit weissem Pulver bedeckt. Der Mann neben ihr starrte ihn feindselig an. Viktor ignorierte ihn. "Wir treffen uns in zehn Minuten auf dem Schiff." Sie schnitt ein Gesicht. "Das ist nicht drin, Mann." Ehe sie fortfahren konnte, wandte er sich ab. Auf dem Weg durch die schmalen Gänge der Station versuchte er, sich an die Bezeichnung des verunglückten Frachters zu erinnern. Die vergangenen Tage hatte er damit verbracht, die ärgsten Defekte des Raumgleiters zu beheben, um eine Abflugbewilligung zu erhalten. Dabei waren die Namen der Schiffe, die an der Station andockten, über den Bordticker gekommen, doch er hatte nicht darauf geachtet. Er blieb vor einer verschlossenen Luke stehen. Da sie sich nicht öffnete, beugte er sich über das Mikrofon. "Hier spricht Viktor Stern. Ich bin Eigner der Velvet Dream. Lasst mich zu meinem verdammten Schiff durch." Die Antwort kam sofort. "Infolge nicht bezahlter Gebühren wurde Ihre Zugangsgenehmigung für das Wartungsdeck widerrufen." Viktor starrte schwitzend auf den Lautsprecher. "Die fälligen Rechnungen wurden vor kurzem bezahlt. Ihr braucht bloss nachzusehen." "Negativ. Ihr Gefährt bleibt bis zur Begleichung der Schulden im Besitz der Stationsbehörden." Es war sinnlos, sich auf einen Streit mit künstlichen Intelligenzen einzulassen. Die Behörden der Station waren ebenso stur wie korrupt. Viktor lehnte gegen die Wand und versuchte, klar zu denken. Durch das Metall spürte er das Vibrieren der riesigen Gravitationsgeneratoren. Schritte näherten sich von der Seite. Ein Mann in einem schmutzigen Overall kletterte aus einer Verbindungsröhre. Sein kahler Schädel glänzte unter der Deckenbeleuchtung. "Sid." Viktor deutete auf das Kommunikationsmodul. "Unser Schiff wurde beschlagnahmt. Ohne Geld können wir die Velvet Dream nicht einlösen. Ohne sie haben wir keine Möglichkeit, an Geld zu gelangen." Sid nickte. "Ich hatte bereits Schwierigkeiten mit dem Zugang zum Schiffscomputer." Seine Instrumente tanzten über die Steuerung der Luke. "Das zerstörte Schiff war die True Horizon", berichtete er. "Ein Transporter der A-Klasse. Die Fracht ist als geheim klassifiziert." Er sah Viktor an. "Wirklich geheim. Ich konnte das Dateneis auf die Schnelle nicht durchbrechen. Als Fahrtziel wurde ein System am Rand des bewohnten Bereichs angegeben." Warme Luft schlug ihnen entgegen, die Luke öffnete sich lautlos. Sid steckte die Geräte weg. "Es wird nicht lange dauern, bis die Leute uns bemerken." Das Schiff hing wie eine Larve am Rand des Wartungsdecks. Dahinter begann das schwarze Nichts. Die Leere zerrte an Viktors Nerven. Er fuhr sich mit einer Hand über die feuchte Stirn. Die meisten Andocknieschen waren verlassen. Die Bedeutung der Raumstation hatte in den Jahren abgenommen. Viktor liess den Blick über die verbliebenen Schiffe wandern. "Dies ist besser wichtig." Sarah stand hinter ihm. Der Mann aus der Bar hatte sie begleitet. "Ich konnte den Rest unserer Leute nicht finden." Sie deutete auf den Mann. "Ivan hier hat mir versichert, dass er ein Raumschiff steuern kann." Viktor presste die Lippen zusammen. Er verabscheute es, Fremde auf das Schiff zu nehmen. Doch es galt, keine Zeit zu verlieren. Sie kletterten durch den schmalen Einstieg in den Raumgleiter. Viktor kroch neben Sid. Sarah kroch mit ihrem Begleiter nach hinten. Der Rumpf begann zu vibrieren, als Sid den Antrieb einschaltete. Die Stimme des Dockleiters meldete sich misstrauisch. "Velvet Dream. Es liegt kein Antrag auf einen Abflug vor." Sid verzog die Lippen, als er das Mikrofon zu sich heran zog. "Schaut in eurer Datenbank nach. Wir sind bereit für die Abkopplung." Er blickte Viktor an. "Das gibt Probleme mit der Maschine." Nach kurzer Zeit antwortete die blecherne Stimme verunsichert. "Bereit für den Start. Benutzen sie den roten Kanal." Es gab ein sanftes Rucken, und der Gleiter löste sich aus der Verankerung. Die Lichter der Station wanderten in ihren Rücken, während Sid den Abflugkanal ansteuerte. Viktor vergass ihre Schwierigkeiten, als die Velvet Dream in das weite Nichts hinaus schwebte. Die zerbrochene Schale des Raumfrachters hing über der Scheibe des Mondes, den die Station umkreiste. Die Oberfläche lag in tiefem Schatten. Das geborstene Metall schimmerte, während Suchscheinwerfer darüber glitten. Der Rumpf bestand noch aus einem Stück, doch das Metall war an mehreren Stellen zerrissen. "Wir sind nicht allein hier draussen", verkündete Sarah über das lokale Kommunikationsnetz. Viktor runzelte die Stirn. "Unmöglich. Als wir die Station verliessen, war kein anderes Schiff startbereit." "Ein Objekt tauchte vor wenigen Minuten aus dem Hyperraum auf. Es ist dabei, rasch abzubremsen. In kurzer Zeit wird es das Wrack erreichen." "Der Code?" "Es sendet keinen Erkennungscode." Viktor blickte zu Sid hinüber. "Ein illegales Schiff?" Sid schüttelte den Kopf. "Wir sind zu nahe bei der Station." "Such dir eine geeignete Stelle um anzudocken." Viktor drückte eine Taste der Sprechanlage. "Wir waren zuerst hier. Der Frachter gehört uns. So läuft das." Die meisten Besatzungsmitglieder der True Horizon waren im Schlaf vom Versagen des Hyperraumantriebs überrascht worden. Einige Leichen trieben in der reduzierten Schwerkraft durch die Gänge. Viktor ignorierte die blutverschmierten Sichtluken der Schlafnischen. Die Luft war dünn, doch es reichte, um auf die Atemmasken zu verzichten. Die Wände waren mit einer schleimigen Schicht bedeckt, Drähte hingen von der Decke. Sarah schnaubte. "Kein Ahnung, wie sie es geschafft haben, für dieses Schiff eine Starterlaubnis zu erhalten. Ein Wunder, dass der Antrieb nicht schon in der Station hochgegangen ist, der Raumfrachter gehörte längst verschrottet." Die Tür des Steuerdecks hing schräg in den Angeln. Sie war durch den Druckabfall nach aussen gepresst worden. "Ich kümmere mich um den Gravitationskern", knurrte Sarah und stieg mit dem Mann aus der Bar eine Leiter hinunter. Eine Warnlampe blinkte an der Decke. Das Metall war mit Kondenswasser bedeckt. Viktor zwängte sich durch die Luke. Als er sich aufrichtete hing das aufgedunsene Gesicht eines Toten vor ihm in der Luft. Die Augen waren angeschwollen, die Haut bedeckt mit zerfetzten Blutgefässen. Viktor schob den Körper mit einer Hand beiseite. Vor einer Nische blieb er bestehen. Der nackte Leib eines Mannes lag darin, die Gesichtszüge durch die fatalen Kräfte der Transformation in eine unmenschliche Form gepresst. Die wächserne Haut war eiskalt. Seine Hand erstarrte, als er eine Bewegung unter den beinahe transparenten Lidern bemerkte. Das Sprechgerät schaltete sich mit einem Knacken ein, Sarahs Stimme klang aufgebracht. "Wir haben die Lagerräume erreicht. Es existiert keine Fracht." Viktor wandte sich von dem leblosen Körper ab. "Das ist unmöglich." Sid drängte sich in den Kanal. "Seit geraumer Zeit versuchen die Leute der Raumstation mit uns Kontakt aufzunehmen. Ihre Drohung, uns abzuschiessen, falls wir nicht unverzüglich zur Station zurückkehren, klingt ernst." Viktor rutschte erschöpft hinter eine Computerkonsole. "Wir verlassen den Frachter", erklärte Sarah. Er ignorierte den eisigen Unterton in ihrer Stimme. Mit einem Finger deaktivierte er das Kommunikationsmodul und schob einen Musikchip in einen Schlitz der Steuerkonsole. Ein langsamer Gitarrenblues begann aus den Lautsprechern der Anlage zu fliessen. Es dauerte eine Weile, bis er den Mann bemerkte, der in der Tür stand und ihn schweigend betrachtete. Er trug einen Schutzpanzer, das Material war matt und so dunkel wie die ewige Nacht zwischen den Sternen. Eine Atemmaske bedeckte das Gesicht. Viktor erinnerte sich an das zweite Schiff. Es musste den Raumfrachter inzwischen erreicht haben. Ohne Eile schob er die Hand an die Waffe in seinem Gürtel. Dann zwängte sich Sarah durch die Luke auf der gegenüberliegenden Seite des Steuerdecks. Der Begleiter in ihrem Rücken zog die Waffe, als er den Fremden bemerkte. "Was geht hier ab?" Sarah betrachtete Viktor misstrauisch. Als er aufstand, richtete sie ihre Waffe auf ihn. "Du scheinst nichts verstanden zu haben, Viktor. Du bist erledigt." Sie verzog die Lippen zu einem berechnenden Grinsen. "Falls wir dich den Behörden der Raumstation ausliefern, haben wir eine Chance, davonzukommen." Der Rumpf der True Horizon bebte. Viktor streckte eine Hand aus, um sich an der Kante der Computerkonsole festzuhalten. Sarah gab dem Mann aus der Bar einen Wink. "Entwaffne ihn, Ivan." Ehe er den Fremden erreichte, setzte sich dieser in Bewegung. Die Konturen des Schutzanzugs verwischten, während er den Raum mit unmenschlicher Geschwindigkeit durchquerte. Stahl funkelte zwischen seinen Händen auf. Die Waffe des Russen glitt in der reduzierten Schwerkraft langsam auf den Boden, die abgetrennte Hand hing leblos daran. Sarahs Begleiter taumelte an die Wand zurück. Aus dem Armstumpf spritzte Blut in den Raum. Er stiess ein Stöhnen aus und klappte zusammen. Sarah wirbelte mit einem wütenden Schrei ihre Waffe herum. Der Angreifer wechselte an ihre Seite. Seine Hand strich über ihre Kehle, eine Spur aus blutendem Fleisch erstickte ihre Schreie. Lautlos glitt sie neben ihren Begleiter auf den Boden und blieb liegen. Das Kommunikationssystem des Raumfrachters wurde aktiviert. Die Stimme der künstlichen Intelligenz verriet ungewohnte Gereiztheit. "Der Besatzung des Raumgleiters Velvet Dream wird eine Frist von sechzig Sekunden eingeräumt, um die Rückkehr zur Station einzuleiten, ansonsten erfolgt die unverzügliche Eliminierung." Viktor sank in den Sessel zurück und faltete die Arme vor der Brust. Der Fremde schob ohne Hast die Arme unter den ausgedörrten Leib des nackten Mannes in der Nische und hob ihn mit überraschender Behutsamkeit hoch. Dann schickte er sich an, den Raum zu verlassen. Viktor blickte ihm nach. "Du bist nicht von dieser Welt." Der Fremde blieb stehen. Er drehte den Kopf und blickte über die Schulter zurück. Er machte eine knappe Geste, die Gelenke seines Schutzpanzers knackten. "Durch die Unfähigkeit der Besatzung dieses Frachters wurde das Leben des Botschafters gefährdet." Die Worte klangen, als bereiteten sie ihm Schmerzen. "Der Besuch war inoffiziell, es dürfen keine Spuren zurück bleiben. Du hast die Wahl, mich zu begleiten oder ausgelöscht zu werden." Viktor betrachtete die Überreste seiner Besatzung. "Sie haben gewählt", meinte der Fremde knapp. Viktor stand auf. "Dafür wird jemand bezahlen." Der Fremde deutete ein Achselzucken an und wandte sich ab. Viktor folgte ihm ohne Zögern. Der Raum blieb zurück, das einzige Geräusch die Melodie einer einsamen elektrischen Gitarre. Sterns Eclipse © 1999 Zuletzt bearbeitet: 10. Juni 1999 |
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