Die Eiskönigin

Forschungsstation A-1
21:15 Uhr

Der eisige Wind schlug Vasily ins Gesicht. Er schloss die Luke und kniff die Augen zusammen, um etwas zu erkennen. Die herum wirbelnden Eiskristalle hüllten alles ein. Die Schlittenhunde hatten sich zwischen die Hütten gekauert, die Leiber dicht aneinander gedrängt. Sie begannen zu knurren, sobald sie seinen Geruch wahrnahmen. Einer der Hunde rappelte sich auf und stemmte sich gegen den Wind, um sich an seinen Beinen zu reiben. Vasily blieb stehen. Jemand hatte sich an den Futterbehältern zu schaffen gemacht. Einige Deckel lagen herum, der Inhalt auf dem Boden verstreut.
Beunruhigt strich er mit einer Hand über das Fell des Schlittenhundes. Eine Gestalt schälte sich aus den Schatten. Die Frau blieb einige Schritte entfernt stehen, das bleiche Licht des Mondes spiegelte sich in ihren dunklen Augen.
"Lass mich bloss in Frieden", stöhnte er in einer fremden Sprache, die seine Zunge schmerzte.
Durch den Sturm konnte er die eigene Stimme kaum verstehen. Das Fleisch des Tieres zitterte unter seiner Haut. Eine Sekunde dachte er, sie würde sich abwenden. Er wich zurück, als er den Irrtum bemerkte. Ein Knurren kam aus der Dunkelheit zwischen den Futterbehältern. Die Gestalt duckte sich, dann schnellte sie mit einem weiten Satz in die Luft. Er wirbelte herum. Hinter sich hörte er das Bellen der Hunde, während die Stiefel über den gefrorenen Boden in die Richtung des Camps hämmerten.
Eine Sturmböe fuhr in seine Jacke und riss ihn beinahe von den Füssen. Er taumelte über das Eis und warf einen Blick nach hinten. Die Gestalt befand sich nur wenige Schritte entfernt. Mit einem erschrockenen Aufschrei hastete er weiter. Doch er wusste, er war zu langsam, als sich messerscharf Klauen durch das gepolsterte Material der Polarjacke in seinen Rücken bohrten. Er strauchelte, der Aufprall presste den Atem aus der Brust. Eine Sekunde fürchtete er, das Bewusstsein zu verlieren. Ein seltsamer Geruch stieg in seine Nase. Dann begegnete er dem Blick aus den erbarmungslosen Augen. Seine Bewegungen wurden schlaff, als sich die Zähne in das weiche Fleisch gruben.

Einige Tage später

In der Luft hing ein eisiger Dunst, der Atem brannte auf den Lippen. Jack beobachtete eine dünne Rauchfahne, die aus dem anderen Camp in den dunklen Himmel stieg. Irgendwo in der Nacht schlug einer der Hunde an. Er wusste nicht, welche Zeit es war. Mitten in den Eismassen verlor sie jegliche Bedeutung. Was zählte, war die Einsamkeit. Die Gestalt neben ihm regte sich. Die Stille war trügerisch, sie trugen nicht die Ausrüstung, um lange draussen zu bleiben.
Er drehte den Kopf.
"Keine Ahnung, was mit denen los ist, Jack."
Der Wunsch, mit ihr ins Bett zu kriechen, war niemals heftiger gewesen, als an diesem Morgen, in dieser verlassenen Gegend, in der Menschen nichts verloren hatten. Nebelschwaden hingen zwischen den Hütten der Forschungsstation. Schatten bewegten sich darin. Die Schlittenhunde waren unruhig, ihre Vorräte reichten nicht mehr weit. Er stopfte die Hände tiefer in den Mantel. Der Nebel wurde in dieser Jahreszeit manchmal innert Minuten undurchdringlich. Falls sie den Rückweg nicht mehr fanden, waren sie verloren.
"Etwas stimmt da nicht."
Eine Gruppe russischer und deutscher Forscher bewohnte das zweite Camp. Eine seltsame Mischung, doch die Verhältnisse hatten sich geändert. Gewöhnlich gab es wenig Kontakt zwischen ihnen. Einige Funksprüche den Monat durch, Austausch von Wetterinformationen und solche Sachen, nichts weiter. Sie waren erst wenige Tage von einer Expedition zurück, die sie trotz der Witterung unternommen hatten. Seither gab es keine Meldung von ihnen. Das mochte daran liegen, dass ihr eigenes Funkgerät nur selten funktionierte.
Er schloss die Augen, eine Hand wanderte seinen Rücken entlang.
"Mach es mir, Jack. Mach es mir jetzt, ich brauche es."
Sein Atem kam unregelmässig. Er hörte das Bersten der Eiskruste irgendwo. Der Puls raste in den Adern. Er lechzte nach der Berührung, doch er konnte den Gefühlen nicht trauen. Es war keine gute Idee gewesen, hierher zu kommen, in eine Gegend, die ihn allmählich verrückt machte. Ihr Auftrag war von Anfang an gescheitert. Das Team, das vor ihnen hier arbeitete, hatte einen Gegenstand im Eis entdeckt, sie sollten dessen Funktion untersuchen. Doch der Gegenstand war bei ihrem Eintreffen verschwunden, und sie besassen keine Informationen, wonach sie suchten. So verbrachten sie die Tage damit, den Zerfall ihrer Ausrüstung zu verfolgen, der in unerwarteter Weise vor sich ging, und auf die Ablösung durch das Ersatzteam zu warten.
Als er aufblickte, stand die Gestalt abseits. Sie schlang die Arme um die Brust, da sie seinen Blick spürte.
"Lass uns von hier verschwinden. Der Nebel wird dichter. Es dauert nicht mehr lange, bis der Sturm erneut loslegt." Sie wandte sich ab. "Die müssen selbst mit ihren Problemen klar kommen."
Sie stapfte durch die dünne Schicht frischer Eiskristalle zum Camp zurück. Nebelfetzen strichen um ihre Gestalt. Sie war zu hübsch, um eine Ärztin zu sein.
"Es ist eine lange Geschichte, die dich nicht interessiert", hatte sie bloss gemeint.
Sie stammte aus Südfrankreich. Sie wusste nichts von ihm. Er zog die Schultern hoch und folgte ihr durch den Dunst, der alle Laute verschluckte.

Luft strich mit einem winselnden Geräusch durch das schmale Gitter unter der Decke. Nils steckte in weiten Hosen, die Seitentaschen vollgestopft mit irgendwelchem Zeug. Er hatte eine gestreifte Mütze übergezogen, die er zwischen den Sachen gefunden hatte. Seine drahtigen Finger schraubten an einem defekten Messgerät für die Luftfeuchtigkeit. Er war die meiste Zeit damit beschäftigt, etwas zu reparieren, doch die Dinge funktionierten danach nur noch selten so, wie sie es ursprünglich getan hatten. Jack hielt eine Tasse und schwitzte. Etwas stimmte mit dem Heizaggregat nicht, trotz der Kälte draussen war es ständig viel zu heiss. Die Heizung frass die gesamte Energie, so dass kaum genug übrig blieb, um zu kochen. Doch niemand brachte die Steuerung in Ordnung.
Unvermittelt hob Nils den Kopf. Er nahm ein Glas und führte es hastig an die Lippen. Durch die Gläser einer Brille starrte er Jack an.
"Ich habe da eine Theorie", murmelte er.
Stancy beobachtete ihn, während sie mit einem Lappen die Klinge ihres Messer wischte.
"Sei bloss still", knurrte sie.
Nils erwiderte feindselig ihren Blick, dann beugte er sich mit zusammen gepressten Lippen wieder über das Messgerät. Jack wusste nicht viel von Stancy. Sie war erst kurz vor dem Abflug in das Team gekommen. Das Institut hielt es nicht für nötig, seine Entscheide zu kommentieren, und Jack wusste, dass er besser keine Fragen stellte. Er brauchte den Job und das Geld. Er nahm einen Schluck aus der Tasse. Sven hatte eine Karte am Ende des Tisches auseinander gefaltet. Er unterhielt sich mit Sil über das Wetter. Das Ersatzteam hätte längst eintreffen müssen, doch der Sturm verhinderte, dass die Leute durch kamen. Sven tippte schlecht gelaunt mit einem Finger auf die Anzeigen des Funkgeräts, die Feuchtigkeit hatte sich durch die Drähte gefressen. Jacks Augen blieben an der Frau hängen, unter dem dünnen Stoff konnte er die Bewegungen ihres Körpers erkennen.
"Ich begreife nicht, was du hier verloren hast", meinte Stancy.
Sie reichte ihm die Teekanne. Er nahm sie und füllte die Tasse. Sie schob das Messer zurück in den Gürtel und starrte ihn an. Sie hatte die blonden Haare mit einem Tuch hinten zusammen gebunden. Ihre Haut besass eine dunkle Tönung, darunter zeichneten sich die Muskeln ab. Sie war morgens als erste auf den Beinen und trainierte ihren Körper, ehe die anderen aus den Matratzen krochen.
"Das Institut ist nicht knauserig", erwiderte er bloss.
Er hatte Monate damit verbracht, Muster im Auftreten der Wirbelstürme aufzuspüren, die in dieser Jahreszeit den Süden des Kontinents überzogen. Aber die Stürme verhielten sich chaotisch und die Resultate seiner Arbeit reichten nicht, um das für die Ausrüstung benötigte Geld fliessen zu lassen. Das Angebot, an dem Forschungsprojekt teilzunehmen, war zur richtigen Zeit gekommen.
Ein eisiger Luftzug strich durch den Raum, als sich die Tür öffnete. Sil blickte von der Karte hoch, in der Tür stand ein Mann, das Gesicht ausgemergelt, Bartstoppeln wuchsen über das Kinn. Ein Stück Haut hing von der Wange, das Blut war in der Kälte gefroren. Der Mann wankte, mit einer Hand hielt er sich fest, um nicht zu stürzen. Seine Augen wanderten durch den Raum und blieben an Sil hängen. Eis dampfte aus den Kleidern. Er stiess einige unverständliche Worte aus und machte einen Schritt in ihre Richtung. Dann begann er zu husten. Blut strömte über seine Lippen. Er krallte eine Hand in die Brust und beugte sich nach vorn, mit einem Stöhnen sank er auf den Boden.
Sil sprang aus dem Stuhl und knieten neben ihn. "Der Mann ist krank, seine Haut glüht."
Sven half ihr mit den Füssen. Jack starrte ihnen nach und bemerkte, dass er heissen Tee über die Finger geschüttet hatte.
"Das sieht nicht gut aus", sagte Stancy.
Er setzte die Tasse hin, ohne sie zu beachten.

Das Licht flackerte, das Buch wurde schwer in seinen Händen. Jack hatte Mühe, die Buchstaben klar zu erkennen. Im Nebenzimmer hörte er Stimmen. Es war nicht einfach, im Dämmerlicht den Schlaf zu finden. Das Gestänge der Decke knackte unter der Wucht des Sturmwinds.
"Jack."
Langsam liess er das Buch sinken und hob den Kopf. In der Tür stand Sil, ein dünnes Hemd schmiegte sich an ihren Körper, Schnee klebte in den schwarzen Haaren. Sie wirkte bleich.
"Sil, alles in Ordnung mit dem Mann?"
Sie achtete nicht auf die Frage. Das Buch glitt durch seine Finger auf die Matratze. Verwirrt fuhr er mit einer Hand über die Augen.
"Ich habe auf dich gewartet."
Mit jedem Wort drang ein eisiger Hauch aus ihrem Mund. Er wusste nicht, was sie von ihm wollte. Sie gefiel ihm, er begehrte ihren Körper, aber er begriff, dass er sich nicht an sie verlieren durfte, wollte er den Weg zurück jemals finden. Es hatte zu viele gescheiterte Beziehungen in seinem Leben gegeben.
"Lass mich in Frieden", stiess er aus und schloss die Augen.
Der Boden raschelte unter ihren nackten Füssen. Als er aufblickte, hatte sie sich neben ihn gesetzt. Das Hemd teilte sich über der Haut und entblösste ihre Brüste.
"Du brauchst dich nicht zu fürchten", sagte sie leise.
Sie legte eine Hand auf seine Brust, ihre Finger glitten die Haut entlang. Sein Penis wurde hart. Ihr Atem strich über seine Wange, als sie sich nach vorn beugte, bis ihre Lippen beinahe sein Ohr berührten.
"Ich bin nicht hierher gekommen, um dich zu ficken, Jack", flüsterte sie.
Das Herz raste in der Brust. Er wollte sie anfassen, die Rundungen ihrer sinnlichen Brüste erkunden. Ihre Lippen wanderten nach unten, bis sie auf seinen Mund trafen. Der kalte Atem drang durch seine Zähne, strömte in sein Inneres bis er glaubte, zu Eis zu erstarren.
"Ich kann dich deine Fragen vergessen lassen", hauchte sie.
Das Licht setzte aus. Er öffnete den Mund, doch er brachte keinen Laut über die Lippen. Als das Licht erneut anging, lag er allein auf der Matratze. Keuchend richtete er sich auf und schlang die Arme um die Knie. Die Frau war verschwunden, aber eine eisige Kälte war in dem Raum zurückgeblieben.

Neben dem Eingang klebten die Reste eines in roter Farbe gepinselten Sterns auf dem Metall. Das meiste war abgeblättert, das Camp stand schon eine Weile an der Stelle. Jack hob eine Hand und schob den Rand der Kapuze nach hinten. Der Zeiger der Uhr wies auf kurz nach drei.
"Die Station ist vielleicht in einem Zustand", bemerkte Sil.
Nils kniete neben der Tür, er hatte eine Handschuh unter den Arm geklemmt und den Deckel eines kleinen Kästchens abgeschraubt. Seine Finger glitten über die Tasten. Mit einem Klicken öffnete sich die Luke.
"Kleinigkeit", murmelte er und schob den Handschuh wieder über. "Die Leute verstehen nichts von Codes."
Der Gang hinter der Tür lag im Dunkeln. Sil hob das Funkgerät an die Lippen, doch es kam keine Antwort. Gleichgültig steckte sie es weg.
"Es macht keinen Sinn, hier draussen einzufrieren", meinte sie.
Knisternd ging die Stablampe an. Sie liess den Lichtkegel über die Wände gleiten. Vorratskisten stapelten sich an den Seiten. Einige waren aufgebrochen, verbeulte Büchsen und Lebensmittelpackungen lagen herum. Nach wenigen Metern drehte der Gang. Eine Tür hing an der Stelle schief in den Angeln, das Metall war durch eine Explosion aufgerissen und nach aussen gebogen worden.
"Möchte wissen, wo sich die Leute aufhalten", überlegte Sil.
Das ausgefranste Licht wanderte durch den Raum.
"Die Kantine."
Umgestürzte Bänke und Stühle bedeckten den Boden, dazwischen lag zerbrochenes Geschirr. Papierfetzen bewegten sich unter einem Luftzug.
"Hier gibt’s nichts zu finden", meinte Nils und blickte sich nervös um. "Besser, wir kehren zurück, klar?"
Sil bückte sich, um ein Stück Papier aufzuheben, als sie sich aufrichtete, weiteten sich ihre Augen. Gleichzeitig hörte Jack ein Geräusch, ein Gegenstand grub sich in seinen Rücken. Er taumelte nach vorn und schlug mit dem Knie gegen eine Kante. Nils begann zu schreien. Dann erlosch das Licht. Der Boden rutschte unter Jacks Füssen weg. Er landete auf den Händen, die Scherben zerschnitten seine Handschuhe. Er kroch ein Stück weit. Als er mit dem Rücken gegen eine Wand stiess, kauerte er sich zusammen und versuchte, ruhig zu atmen. Die Schreie waren verstummt, der Raum lag in völliger Finsternis. Die Kälte frass sich langsam durch seine Kleider.
Eine Stimme hauchte neben ihm. "Jack."
Er spürte die Wärme eines Körpers und legte einen Finger auf Sils Lippen. Sie waren nicht allein. Etwas bewegte sich in der Dunkelheit. Ein Schnuppern kam von einer Stelle wenige Schritte entfernt. Er wünschte, sie hätten eine Waffe, doch Stancy hatte sich geweigert, sie zu begleiten.
"Alles in Ordnung mit dir?"
Er schüttelte den Kopf.
"Was war das?" flüsterte er.
"Keine Ahnung. Ein Tier, ich konnte es nicht richtig erkennen. Vielleicht durch den Geruch der Lebensmittel angelockt. Die Aussenwand muss beschädigt sein, das würde die Kälte erklären."
Er versuchte, sein Bein auszustrecken, doch die Schmerzen hielten ihn still.
"Nils ist durchgedreht", erklärte sie leise. "Versuchte, zurück zu rennen. Dabei schlug er mir die Lampe aus der Hand."
Das Funkgerät schaltete sich mit einem Knacken ein. "Leute, was ist los mit euch?"
Sil nahm es mit einem unterdrückten Fluchen. "Sven, Mann, sei bloss still, wir sind hier in eine Situation geraten."
"Die Verbindung funktioniert die meiste Zeit nicht richtig", murmelte Jack.
"Dreht bloss nicht durch", kam Svens Stimme.
Sie schraubte an der Lautstärke, bis Jack die Worte kaum noch verstehen konnte.
"Zeit, zurück zu kehren. Ihr könnt euch ein andermal draussen vergnügen. Es gibt hier einige Probleme mit dem Verletzten."
Sie seufzte. "Wir können hier nicht weg."
"Ich kann dich nicht verstehen, Sil. Der Sturm wird schlimmer. Ihr solltet längst auf dem Rückweg sein."
"Wir haben Nils verloren und sind ohne Licht", berichtete sie. "Holt uns bloss hier raus."
"Ihr müsst euch selber helfen."
Sie steckte das Funkgerät weg, als die Verbindung abbrach. Jack rieb die schmerzenden Augen. Er stiess mit einem Finger gegen einen metallischen Gegenstand, die Stablampe, die Sil verloren hatte. Sie gab einen erschrockenen Laut von sich, als er die Lampe einschaltete. Das Licht blieb an einer Gestalt haften, die in der Mitte des Raumes auf dem Boden lag. Erst konnte Jack das Gesicht nicht erkennen, die Wollmütze war nach vorn gerutscht.
Sil keuchte. "Nils."

Dunststreifen schimmerten über ihnen. Vereinzelte Lichtpunkte blinkten in der Nacht. Jack versuchte, sie nicht aus den Augen zu verlieren, während er hinter Sil durch das Eis stolperte. Seine Arme schmerzten unerträglich, das Knie war beinahe steif. Er konnte die Finger nicht mehr spüren, mit denen er Nils Stiefel hielt. Doch sie hatten Nils nicht einfach zurück lassen können. Das monotone Knirschen ihrer Schritte machte ihn benommen. Irgendwann glaubte er das Brüllen eines Tieres zu hören, in der Dunkelheit war nichts zu erkennen. Während den kältesten Tagen des Jahres wanderten Eisbären bis in diese Gegend auf der Suche nach Futter.
Er schreckte hoch, als Sil unvermittelt vor ihm stehen blieb. Sie liess den Oberkörper des Verwundeten behutsam auf das Eis gleiten und betätigte das Mikrofon an der Eingangstür.
"Sven, öffne die Tür."
Der Lautsprecher knisterte.
Es dauerte eine Weile, ehe die Antwort kam. "Ich kann euch nicht rein lassen, erst muss ich wissen, was euch zugestossen ist."
Sil stöhnte. "Mach keine Sachen."
Sie drehte den Kopf und biss sich auf die Lippen, da er nichts erwiderte.
Jack versuchte, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken. Er starrte in das bleiche Gesicht vor seinen Füssen. Blut sickerte aus Nils Nase und färbte das Eis dunkel. Seine Jacke war zerrissen, dunkles Fleisch schimmerte durch die Fetzen. Seine Augen waren geschlossen, die Haut erschreckend bleich. Jack hatte das Gefühl, sich keine Sekunde länger auf den Beinen halten zu können. Die Schlittenhunde winselten, sie hatten sich irgendwo zwischen die Hütten verkrochen. Die meisten Tage verbrachten sie draussen, das struppige Fell schützte sie gegen die Kälte.
Dann öffnete sich die Tür, und Stancy musterte sie misstrauisch. "Keine Ahnung, was ihr hier draussen verloren habt."
Sie zerrten Nils durch die Luke und legten ihn dahinter auf den Boden. Jack lehnte sich keuchend gegen die Wand. Er schob die Kapuze nach hinten und schloss die Augen, Schweiss lief über seine Stirn.
"Der Mann sieht vielleicht aus", meinte Stancy.
Sil streifte die Jacke ab. "Etwas hat ihn erwischt."
Sven erschien in der Tür. "Tut mir leid, Leute. Ihr kennt die Vorschriften, wenn wir uns nicht daran halten, sind wir geliefert."
Nils stöhnte. Sie hatte die Jacke aufgeknüpft und begonnen, einen Verband um seinen Oberkörper zu wickeln, doch das Blut fand stets einen Weg, durch das Material zu sickern.
"Wir müssen versuchen, ihn am Leben zu halten, bis das Ersatzteam eintrifft."
Sven starrte durch eine Sichtluke nach draussen. "Ich kann nichts erkennen."

Sven sass hinter einem schmalen Tisch, der an die Wand geschraubt war. Er blickte angestrengt durch die Linse eines Mikroskops, während er mit einer Hand Notizen in ein schwarzes Büchlein kritzelte.
Sil verteilte eine dicke Salbe auf Jacks Knie. "Die Schwellung wird bald nachlassen.
Der nackte Leib des Russen lag neben Nils ausgestreckt. Die Rippen zeichneten sich unter der bleichen Haut ab, die Brust bewegte sich kaum.
"Etwas stimmt mit dem Blut nicht", murmelte Sven. "Die Zellteilung ist ausser Kontrolle. Sein Kreislauf befindet sich in einem unmöglichen Zustand." Er blickte Sil von der Seite an. "Falls er der Träger einer Virusinfektion ist, sind wir hier draussen alle erledigt. Wir hätten ihn gar nicht erst in das Camp rein lassen dürfen."
Sie zuckte mit einer Achsel. "Ist nicht so, als hätte er uns eine grosse Wahl gelassen."
Jack zog die Hosen hoch und versuchte, nicht auf ihren Hintern zu starren, während sie sich aufrichtete und neben Sven trat, um die Probe unter dem Mikroskop zu betrachten. Es war zu spät, sich Gedanken wegen einer Ansteckung zu machen.
"Wir sollten verschwinden, solange wir es noch auf den eigenen Beinen können", meinte Sven.
Sie schüttelte den Kopf. "Ich geh da nicht raus, bevor ich weiss, was uns im anderen Camp angegriffen hat." Sie rieb sich den Rücken.
Jack versuchte, das Bein zu belasten.
"Ich komme damit klar", sagte er, als er ihren Blick bemerkte.
Der Russe begann sich auf der Liege zu bewegen.
"Ich kriege keinen Kontakt zu den Leuten des Ersatzteams", erklärte Sven. "Entweder liegt es an dem verfluchten Funkgerät, oder sie haben keine Lust, zu antworten."
Mit einem Stöhnen öffnete der Russe die Augen und stiess einige Worte aus. Sil nahm einen Lappen und wischte Blut von seinen Lippen. Sven drehte sich auf dem Stuhl.
"Er gibt sinnloses Zeug von sich, das Fieber ist stärker geworden", meinte Sil.
Der Russe streckte einen Arm aus und legte die Finger um ihre Hand. Seine Augen hingen an ihren Lippen. Seine Stimme wurde drängender, als er sich hochzuziehen versuchte. Sil antwortete auf russisch. Sie versuchte, seine Hand zu lösen. Blutiger Speichel tropfte von den Lippen. Er keuchte bei jeder Bewegung, doch er liess sie nicht fahren. Sein Gesicht war eine offene Wunde, Haut und Fleischfetzen hingen von den Wangenknochen, die Zähne standen nicht richtig im Kiefer. Jack hatte den Eindruck, dass sich sein Zustand mit jeder Stunde verschlechterte.
"Ich brauche etwas gegen die Muskelkrämpfe", stiess Sil aus.
Sven schob gelangweilt eine Hand in einen Koffer mit medizinischem Zubehör, um ihr eine Spritze zu reichen. Sie versuchte den Ärmel des Mannes hoch zu schieben, doch ehe sie eine geeignete Stelle fand, packte er ihre Schultern. Er stiess ein gequältes Heulen aus, unvermittelt riss er sie an sich und versuchte, die Zähne in ihr weiches Fleisch zu graben. Sven sprang erschrocken auf, um ihr zu helfen, doch er kam zu spät. Sie zog die Hand zurück, in der sie die Spritze gehalten hatte. Der Russe sank wimmernd auf die Matratze, in einem Auge steckte die Nadel der Spritze. Blut strömte dunkel aus der Wunde.
Sil wischte sich mit einem Ärmel Blutspritzer von den Lippen. Sie starrte auf den zuckenden Leib des Mannes. Es dauerte eine Weile, dann wurde er still.
Sven liess die Arme sinken. "Scheisse, Sil", murmelte er verdattert.

Das Licht an der Decke flackerte, in den meisten Bereichen der Forschungsstation war die Beleuchtung ausgefallen. Stancy blieb stehen und lauschte in die Stille. Sie bemerkte das Brummen des Heizaggregats, das beharrlich weiter arbeitete, und ein Geräusch, das sie nicht einordnen konnte. Ein fahler Lichtschein drang aus dem Raum. Sie schob mit einem Stiefel die Tür ein Stück weit auf. Das Metall der Waffe fühlte sich kalt und beruhigend in ihrer Hand an. Eine der Liegen war umgestürzt, die Trümmer eines Mikroskops lagen im blauen Licht, das von einem Computermonitor kam. Sie bemerkte eine Gestalt, die in einer Ecke stand. Erst dachte sie, es sei Jack. Sie wurde nicht klug aus ihm. Es gab etwas, das sie anzog. Doch der Mann in dem Raum war nicht Jack. Sie wischte die Gedanken beiseite und versuchte, sich zu entspannen. Sie lehnte mit einer Schulter gegen den Türrahmen und richtete die Waffe auf ihn.
"Keine hastigen Bewegungen, klar?"
Ein durchdringender Geruch hing in dem Raum. Die Temperatur war unerträglich, irgendetwas steckte in den Lüftungsrohren fest und blockierte die Zirkulation.
"Wo sind die anderen?"
Nils richtete sich langsam auf. "Verschwinde, Stancy. Hier hast du nichts verloren."
Sie runzelte die Stirn und liess die Waffe zögernd sinken. Nils stellte keine Gefahr dar. Sie hatte nicht erwartet, dass er sich von den Verletzungen erholen würde. Er stiess ein Knurren aus, als er sich zu ihr wandte. Das Licht des Bildschirms fiel in sein Gesicht, Blut tropfte von den Lippen, seine Augen glimmten.
"Wieder auf den Beinen?" meinte sie.
Als er sich in ihre Richtung bewegte, hob sie die Waffe erneut.
"Bleib ganz ruhig, du."
Das Fleisch auf der Liege hinter ihm dampfte in der Hitze.
"Du hast keine Ahnung", stiess er aus.
Seine Kleider waren mit Blut getränkt, die Haut löste sich an mehreren Stellen, das Fleisch darunter glänzte feucht. Er schob sich an ihr vorbei, ohne sich um die Waffe zu kümmern. Sie wich zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Wand stiess. Seine Schritte entfernten sich draussen, als es still wurde, schob sie die Waffe in den Gürtel.
Der Körper des Russen hatte begonnen, sich in einem unmöglichen Tempo zu zersetzen. Schwarze Augenhöhlen starrten sie reglos an, eine dunkle Lache hatte sich unter seinem Schädel gebildet. Sie hielt eine Hand vor den Mund und studierte die Zahlenreihen und Modelle auf dem Computermonitor, doch sie verstand zu wenig davon. Ein Tropfen fiel auf die Tasten, sie wischte achtlos mit der Hand darüber.
Als sie ein Geräusch hörte, neigte sie den Kopf nach hinten. Feuchte Stellen überzogen das Metall. Dann bemerkte sie eine Bewegung in den Schatten, etwas hing über ihrem Kopf an der Decke. Eine Gestalt klammerte sich mit dünnen Fingern an die Fugen, die Beine hatte sie um eine Lampe geschlungen. Zwei schwarze Augen beobachteten sie schweigend.
Sie riss die Arme hoch, als sich die Gestalt fallen liess. Der Zusammenprall warf sie auf den Boden. Sie rollte über die Schulter ab, Trümmerstücke gruben sich durch ihr T-Shirt, doch sie achtete nicht darauf. Sie winkelte die Beine an um aufzuspringen. Doch die Gestalt glitt durch die Luft und landete auf ihrer Brust. Ihre Gelenke knackten, als das Gewicht sie zurück auf den Boden presste.
"Hallo, Stancy", zischte eine vertraute Stimme.

Jack kauerte auf der harten Matratze und versuchte, sich auf das Buch zu konzentrieren, als die Tür ging. Stancy schloss sie hinter sich und schob den Riegel vor. Sie trug ein kurzes T-Shirt, eine Strähne hatte sich gelöst und hing in ihre Stirn. Sie liess den Blick über seinen Körper wandern.
"Der Russe ist erledigt", keuchte sie.
Jack nickte bloss. Sie setzte sich auf den Rand der Matratze und hob eine Hand, um die Haare zurück zu streichen. Behutsam zog sie die Pistole aus dem Gürtel und legte sie auf den kleinen Tisch neben dem Bett.
"Er hätte ohnehin nicht lange durchgehalten", meinte sie. "Die Krankheit war zu weit fortgeschritten."
Er starrte auf die blutigen Flecken an ihrem T-Shirt.
"Wusstest du, was mit dem Team geschehen ist, das vor uns hier arbeitete?" fragte sie.
Er schüttelte den Kopf. Er hatte den Job angenommen, weil er das Geld brauchte. Um das Kleingedruckte hatte er sich nicht gekümmert.
"Es gab einen Zwischenfall, die meisten starben. Es existierte nur eine Überlebende. Das Institut entschloss sich, die Station zu schliessen, doch zuerst mussten sie wissen, was wirklich vorgefallen war. Die Berichte der überlebenden Frau waren missverständlich. Sie gab an, sich an nicht viel zu erinnern."
Sie beugte sich nach vorn. Ihre Augen fingen seinen Blick. Sie musterte ihn misstrauisch, doch die Lippen zitterten, als sie mit dem Handrücken darüber wischte.
"Das Institut musste es genauer wissen."
"Wozu?"
Sie zuckte mit einer Achsel. "Versicherungsinteressen. Die Gesellschaften weigerten sich, die Verpflichtungen einzulösen, solange der Ablauf nicht geklärt war. Also entschlossen sie sich, ein neues Team zusammenzustellen." Sie lächelte schwach. "Einige Forscher, die keine Fragen stellten, waren rasch gefunden. Schwieriger war es, die Frau zu einer erneuten Teilnahme zu bewegen, doch die Ressourcen des Instituts sind nicht unerheblich."
"Sil?"
Sie nickte. Die Nähe ihres Körpers verwirrte ihn. Er hatte keine Ahnung, woher sie ihre Informationen hatte. Er brauchte Zeit, um klar denken zu können.
"Was ist den Leuten zugestossen?"
"Es handelte sich um einen Virus, den sie eingefangen hatten. Der Krankheitsverlauf war in allen Fällen rasch und tödlich. Sie starben an inneren Blutungen, es war, als würde sich ihr eigenes Immunsystem gegen sie wenden. Möglicherweise enthielt der Gegenstand, den sie irgendwo im Eis fanden, eine zusätzliche Botschaft, die sie nicht erwartet hatten."
Jack schluckte . "Wir sollten die anderen warnen."
Sie schüttelte den Kopf. "Zu spät", meinte sie. "Sven hat sich davon gemacht. Die Ausrüstung fehlt, er hat einen der Schlitten und die Hunde mitgenommen. Nils ist erledigt, ihm kann keiner helfen. Es bleibt ihm nicht viel mehr Zeit als dem Russen." Sie sah ihn an. "Etwas stimmt nicht mit Sil. Sie ist die Trägerin der Krankheit."
"Wir müssen durchhalten, bis das Ersatzteam eintrifft."
"Es wird kein Ersatzteam geben. Wir sind auf uns allein gestellt, ohne Funkverbindung mit der Aussenwelt. Nur du und ich, Jack."
Sie schob ihre Finger unter das T-Shirt und streifte es über den Kopf. Schweisstropfen glänzten auf der Haut, ihre geschmeidigen Muskeln bewegten sich, als sie es auf den Boden gleiten liess. Ihre Brüste waren klein, die Brustwarzen beinahe schwarz. Sie neigte sich nach vorn, bis sich ihre Lippen trafen. Lautlos glitt sie neben ihn in das Bett. Ihre Finger legten sich um seinen Penis und begannen sich zu bewegen. Er schloss die Augen, der Geruch ihres Körpers erfüllte seine Sinne. Er kostete den exquisiten Geschmack ihrer Zunge, während seine Hände ihren Rücken entlang glitten und sich auf den harten Hintern legten.
Ihr Körper versteifte sich, als ein Klopfen an der Tür ertönte.

Jack blieb vor der Tür stehen. Er konnte sich nicht erinnern, wie er aus dem Bett kletterte und durch den Raum ging.
"Du darfst sie nicht rein lassen", flüsterte Stancy warnend.
Das Klopfen wiederholte sich.
"Jack, mach auf, ich kann alles erklären." Sils Stimme drang gedämpft durch das Material.
Er hob langsam eine Hand und legte sie auf den Riegel.
"Ich habe im Computer nachgesehen", erklärte Sil. "Stancy hat uns nicht die Wahrheit erzählt. Sie gehörte zum Team, das vor uns hier war."
Stancy bewegte sich auf dem Bett. "Sie ist gefährlich."
Schweiss brach auf seiner Stirn aus. "Wir sind ein Team, Jack."
Seine Finger zitterten.
"Wehr dich nicht dagegen. Ich werde dir geben, was du willst."
Er musste handeln, doch seine Gedanken bewegten sich auf der Stelle. Dann stand Stancy neben ihm. Sie presste den Lauf ihrer Waffe gegen sein Kinn.
"Lass es bleiben", drängte sie.
Er schloss die Augen. Die Tür öffnete sich mit einem Klicken. Stancy stöhnte, gleichzeitig drang eine eisige Kälte über die Schwelle. Sil glitt lautlos in den Raum. Sie war nackt, ihr Gesicht hatte sich verändert, die Augen waren von einer unerträglichen Schönheit.
"Verschwinde von hier, sonst bist du dran", stiess Stancy aus, doch er konnte die Angst unter ihrer Ruhe wahrnehmen.
Sil blickte sie an. Die spitzen Zahnreihen schimmerten, als sich die Lippen teilten.
"Dich habe ich mir bis zum Schluss aufgespart", hauchte sie.
Der Abzug klickte, doch der Schuss löste sich nicht. Jack starrte auf Sils nackte Brüste und die Hände, die sie um Stancys Kehle legte. Stancy versuchte zurückzuweichen, ihre Muskeln spannten sich. Das Ringen dauerte nicht lange. Die Waffe glitt durch ihre Finger und fiel auf den Boden. Es dauerte nur Sekunden, dann liess Sil ihren leblosen Leib fallen. Stancy sank lautlos neben das Bett und blieb liegen. Mit einem Seufzen wandte Sil sich zu ihm hin. Sie hob die Arme, um ihn an sich zu ziehen. Jack begriff, dass er verloren war, falls er sich ihr hingab, doch er konnte der Versuchung ihrer Schönheit nicht widerstehen. Ihr kalter Leib schmiegte sich an seinen Körper. Die Wände des Camps schienen auseinander zu gleiten, der unerbittliche Sturmwind wirbelte durch den sich dehnenden Raum.
"Komm zu mir, Geliebter", hauchte die kalte Stimme an seinem Ohr.
Er spürte Eiskristalle, die in sein Gesicht fielen und um die nackte Haut tanzten, während ihre Leiber sich auf das Eis legten, um sich zu lieben.

Die Eiskönigin © 2001
Zuletzt bearbeitet: 25.7.2001

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