Das Haus der Bestie

Der Wagen hielt vor einem Gebäude, das in den mit Wolken bedeckten Nachthimmel ragte.
"Verlassene Gegend hier." Der Fahrer sah sie von der Seite an. "Das war nicht verächtlich gemeint", fügte er hinzu, als er den Ausdruck in ihrem Gesicht bemerkte.
Papierfetzen wurden vom Wind durch die Strasse getragen. An der Tür eines Zeitschriftengeschäfts hingen die Schlagzeilen des Tages, auf der gegenüberliegenden Strassenseite blinkte das Neonschild einer Bar.
"Ich wohne in diesem Haus", sagte sie.
Die Mauer war mit Sprüchen und Bildern bedeckt, in einzelnen Fenstern brannte Licht. Das Gebäude wirkte wenig einladend. Sie reichte das Fahrgeld nach vorn und stieg aus. Die Nacht war kalt, frierend zog sie die Jacke enger um sich. Der Fahrer öffnete den Kofferraum und stellte ihre Reisetasche auf den Boden. Es war ein altes Stück, sie mochte keine neuen Sachen. Eine Steintreppe führte zum Eingang.
Sie blieb davor stehen und suchte nach dem Schlüssel, den ihr der Wohnungsmakler zugesteckt hatte. Ein Mann öffnete die Tür. Sie presste die Lippen zusammen, um ein Zittern zu unterdrücken.
"Ralf Hooker." Er streckte ihr eine Hand hin.
Er trug einen weiten Regenmantel, die Augen waren braun, das Kinn unrasiert.
"Ich ziehe in eine Wohnung der zweiten Etage", erklärte sie.
"Das macht uns zu Nachbarn."
Ihr gefiel seine Stimme. Das Gefühl versetzte ihr einen Stich, es war das Letzte, was sie brauchte. Die Trennung von Dave lag erst Wochen zurück.
"Mein Name ist Joan Crowley."
"Ein übles Wetter, um die Wohnung zu wechseln", stellte er fest und schickte sich an, ihre Tasche aufzuheben.
"Ich komme allein klar", versicherte sie hastig.
Ralf runzelte die Stirn. "Sagen Sie das nicht."
Mit der Schulter drückte er die Eingangstür auf. An der Decke hing eine Lampe, das trübe Licht reichte kaum, die Schatten zu vertreiben. Ein rostiges Metallgitter versperrte den Eingang eines Liftschachts.
"Der Aufzug ist die meiste Zeit ausser Betrieb", bemerkte er. "In diese alten Häuser steckt niemand sein Geld."
Sie wischte sich die Stirn.
"Die ganze Hitze stammt aus dem Keller. Davon spüren Sie in der Wohnung nicht viel, die Heizung ist völlig im Eimer."
Die Kabine kam mit einem mechanischen Surren nach unten.
Ralf schob das Gitter beiseite. "Der Hauswart scheint sich an seine Aufgaben erinnert zu haben."

Durch das Fenster fiel ein dünnes Streifenmuster. Joan suchte mit einer Hand den Lichtschalter, doch der Strom war noch ausgeschaltet. Sie liess die Reisetasche neben dem Eingang stehen und wanderte durch die Wohnung. Die Küche war klein. Ein Gasherd, ein Kühlschrank und ein schmaler Tisch liessen kaum Platz, um sich darin zu bewegen. Die beiden Zimmer waren leer bis auf einen Tisch und ein Sofa, die der frühere Mieter zurückgelassen hatte. An den Wänden gab es dunkle Stellen, vor denen Bilder gehangen hatten.
Sie öffnete ein Fenster und schloss die Augen. Die Geräusche der Stadt drangen an ihre Ohren, das Brummen des Verkehrs und die gedämpfte Musik aus der Bar. Als sie sich umdrehte, stand ein Mann in der Tür. Seine Haare waren kurz und beinahe weiss, er trug eine gefütterte Winterjacke und schwere Stiefel. Die Dunkelheit folgte seinen Schritten.
"Sie sind Crowley, die neue Mieterin", stellte er fest. "Mein Name ist Michael Nite. Ich bin der Hauswart." Er deutete auf die Reisetasche. "Brauchen Sie Hilfe mit dem Gepäck?"
Sie schüttelte den Kopf. "Der Rest wird in einigen Tagen geliefert."
Er kam ihr so nahe, dass sie seinen Atem auf der Haut spürte.
"Es gibt hier einiges Ungeziefer, das nicht wegzubringen ist."
Die Haut unter ihrem T-Shirt wurde feucht. Der Stoff rieb an den Brüsten, während sie von ihm zurück wich, bis sie gegen den Fenstersims stiess.
"Das Licht", sagte sie mit erstickter Stimme und deutete an die Decke. "Es funktioniert nicht."
"Ich werde mich darum kümmern."
Sie begriff, dass sie schreien würde, sobald er sie berührte.
"Stecken Sie in Schwierigkeiten, Crowley?"
Entsetzt starrte sie ihn an. Er konnte nichts von Dave wissen! Mit einem Stöhnen verschränkte sie die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf.
"Es ziehen nicht viele Leute in diese Gegend", meinte er. "Die meisten haben etwas zu verbergen." Seine Augen wanderten über ihren Körper. "Falls Sie etwas brauchen, wenden sie sich an mich. Ich wohne in der untersten Etage, direkt über dem Kellergeschoss."
Er wandte sich unvermittelt ab und verliess das Zimmer. Erschöpft wischte sie die Hände an den Jeans trocken. Leises Murmeln von Stimmen drang durch die Wände, dazwischen gab es Geräusche, die sie nicht einordnen konnte. Mit zitternden Fingern schloss sie die Tür. Es dauerte nicht lange, bis sich das Licht mit einem Knistern einschaltete.

Joan nahm die Schreibmaschine aus der Reisetasche und stellte sie auf den Tisch. Niemand konnte sie davon abbringen, mit der alten Schreibmaschine zu arbeiten. Das Klappern der Tasten auf der Walze gehörte zu den Geräuschen, die ihre Gedanken anregten. Sobald sie an einem Bildschirm sass, zerflossen die Ideen zwischen den Fingern. Daneben hängte sie eine Reihe Fotografien, die ihr Tom überlassen hatte, als sie gemeinsam an einer Reportage in Mittelamerika arbeiteten. Er war schwul und einer der wenigen Männer, in deren Gesellschaft sie sich wohl fühlte.
Sie legte ihre Notizblätter auf den Tisch und spannte eine leere Seite in die Schreibmaschine, da klingelte es an der Tür. Eine junge Frau stand davor. Sie trug ein weisses Kleid mit einem tiefen Ausschnitt.
"Ich bin Selina." Sie blickte an Joan vorbei in die Wohnung. "Brauchst es bloss zu sagen, falls ich störe."
Joan schüttelte den Kopf. "Möchtest du eine Tasse Tee?"
"Das klingt gut."
Selina blieb vor dem Tisch stehen. "Du bist eine Schriftstellerin."
"Ich schreibe Reportagen für Zeitschriften. Sachberichte, keine Geschichten. Es ist nicht einfach, davon zu leben. Die Leute lesen nicht viel." Joan rieb sich die Hände. "Es ist kalt, die Heizung scheint noch nicht richtig zu arbeiten."
"In diesem Haus wird es den ganzen Winter durch nie wirklich warm."
Als Joan mit dem Tee zurückkehrte, sass Selina vor dem Fenster.
"Neu in der Stadt?"
"Dave und ich wohnten auf der anderen Seite des Flusses."
Selina nickte. "Ich verstehe."
Joan hatte Dave an einer Kunstausstellung kennengelernt. Er war Agent und arbeitete für einige junge Künstler. Sie hatte sich sofort in ihn verliebt. Doch dann geriet die Wirtschaft in eine Krise, und die Leute verloren mit dem Geld auch das Interesse an der Kunst.
"Nüchtern war er selbst damals noch liebenswürdig."
Verärgert erkannte Joan, dass sie sich noch immer die Hauptschuld am Scheitern ihrer Beziehung gab. Sie lehnte sich in das Sofa zurück.
"Du bist bestimmt müde."
"Ich habe seit Tagen nicht richtig geschlafen", gestand sie.

Durch das halb geöffnete Fenster drang die Hitze des Tages. Der Geruch von Meerwasser lag in der Luft. Die Wellenkämme in der Bucht funkelten, und ein Schiff schob sich durch das Wasser in den Hafen.
An der Decke drehte sich ein rostiger Ventilator, darunter sass ein Mann. Er trug kurze Shorts, die nackte Haut seines Oberkörpers war braun gebrannt. Sein Blick wanderte über die Zeilen eines Buchs. Mit einem Tuch wischte er sich das Gesicht, dann nahm er eine Zigarette und schob sie zwischen die Lippen.
Auf einem altmodischen Grammophon drehte sich eine Schallplatte. Die Musik stammte aus den zwanziger Jahren. Er lehnte sich in den Sessel zurück, seine Augen fielen auf die Fotografie einer jungen Frau, die auf dem Tisch stand. Er versank in Erinnerungen und bemerkte nicht, wie sich die Blätter einer Topfpflanze neben dem Fenster bewegten.
Ein Stück der Wand wurde beiseite geschoben. Eine dunkle Gestalt glitt in das Zimmer. Ihr Kopf streifte beinahe die Decke. Messerscharfe Klauen bohrten sich in die Schultern des Mannes. Er hob die Hände, um sich zu schützen, aber die Gestalt zog ihn ohne Mühe aus dem Sessel. Seine Schuhe begannen auf den Boden zu hämmern. Fangzähne gruben sich in die Brust des Mannes, Knochen zersplitterten, und der Körper erschlaffte. Ein Blutstrahl spritzte aus dem Mund, über das Buch und die Fotografie der Frau, die er betrachtet hatte.

Joan erwachte mit dem Gefühl, beobachtet zu werden. Etwas lauerte in der Dunkelheit, sie wusste es, obwohl sie keine Bewegung erkennen konnte. Mit zitternden Fingern knipste sie das Licht an, doch das Zimmer war leer. Alpträume waren nichts ungewohntes für sie. Ihr Leben hatte sich vor Jahren in einen Alptraum verwandelt. Sie richtete sich im Bett auf. Das T-Shirt klebte an der Haut, ihre Stirn glühte. Mit einer Hand rieb sie die schmerzenden Nackenmuskeln, dann streifte sie ein weites Hemd über. Obwohl Wasser in den Heizkörpern tropfte, waren sie eiskalt.
Das Telefon klingelte.
Daves Stimme klang weit entfernt. "Alles in Ordnung mit dir?"
"Ich bin eben erst eingezogen", erwiderte sie, verärgert darüber, wie zerbrechlich ihre Stimme klang.
"Die Nummer stammt von deinem Fotografen."
Am liebsten hätte sie den Höher aufgelegt und sich zurück unter die Decken verkrochen.
"Wir sollten uns treffen, Joan."
"Keine gute Idee."
"In einigen Tagen bin ich in der Stadt. Wir können zusammen ausgehen."
Lass mich in Frieden!
"Joan, du brauchst nichts zu tun, was du nicht möchtest. Es tut mir Leid, zwischen uns ist vieles schief gelaufen."
Sie blieb nach dem Gespräch sitzen und beobachtete die ersten Sonnenstrahlen, die an den Wänden entlang krochen, während Tränen über ihre Wangen liefen.

Dunstfetzen trieben zwischen den Häusern. Joan wechselte auf die andere Strassenseite. Laute Musik schlug ihr aus der Bar entgegen. Eine Band spielte auf der Bühne, die Musiker holten alles aus den Instrumenten, was sie hatten. Sie entdeckte Tom an der Theke. Er trug einen zerknitterten Anzug, der nicht hierher passte. Zwischen den Fingern hielt er ein Glas.
Als sie sich neben ihn setzte, hob er den Kopf. "Du siehst nicht gut aus."
Seine Augen wanderten weiter und blieben an einem Mann hängen, der mit nacktem Oberkörper vor der Bühne tanzte.
"Der Verlag ist am Ende. Alle Aufträge wurden gestrichen."
"Das können sie nicht machen", protestierte sie. "Ich benötige das Geld."
"Wir leben in üblen Zeiten, Joan."
Sie gab dem Barmann ein Zeichen. "Dasselbe für mich."
Die Musiker fingen an, die Instrumente auf der Bühne zu demolieren.
"Ich hatte einige gute Aufnahmen beisammen."
Er neigte den Kopf nach hinten und leerte das Glas.
"Ich würde die Bilder gerne sehen." Er sah sie fragend an. "Du bist der beste Fotograf, den ich kenne."
"Ich kann dich gut leiden, Joan", erklärte er. "Du hast etwas Besseres als Dave verdient."
"Klar."
Sie konzentrierte sich auf die Musiker. Ein Mann war auf die Bühne geklettert und hatte sich um den Hals des Sängers gehängt. Er schob eine Hand in die Hose und begann an den Eiern der Musikers herum zu machen. Als der Barmann ihr Glas über die Theke schob, lag Tom mit dem Kopf neben ihr auf der Theke, und Ralf stand hinter ihm.
"Tom arbeitet als Fotograf für mich", erklärte sie.
Ralf deutete mit einem Finger auf ihr Glas. "Ich nehme das gleiche."
"Was immer du möchtest", sagte der Barmann.
Sie starrte Ralf an. "Wohnst du seit langem in dem Haus?"
Er schüttelte den Kopf. "Mein Bruder lebte einige Zeit hier, so kam ich auf die Adresse. Die Leute in der Gegend sind ziemlich misstrauisch, es geschehen zu viele Verbrechen. Vor einigen Wochen wurde ein Mieter tot aufgefunden. In den Zeitungen hiess es, er habe Selbstmord begannen. Aber das ist Unsinn, ich habe die Leiche gesehen."
Ein DJ mit hellgrünen Haaren kletterte hinter zwei riesige Plattenteller, als das Konzert mit kreischenden Gitarren zu Ende ging, und die Musiker erschöpft ihre Instrumente wegpackten.
"Die Polizei nahm sich nicht die Mühe, weiter nachzuforschen. Die Leute hier besitzen zu wenig Geld, um die Maschine wirklich in Gang zu bringen."
Joan hob eine Hand und fuhr damit durch Toms Haare. Der Fotograf seufzte träge, ohne zu erwachen.
"Du bist eben hier eingezogen und ich erzähle diese Geschichte, das ist nicht richtig."
"Der Wohnungsvermittler hat nichts davon erwähnt."
Ralf grinste. "Das wäre schlecht für das Geschäft gewesen."
Aus den Lautsprechern über ihren Köpfen begann das harte Schlagzeug einer Speedmetalband zu hämmern. Joan war dankbar für das schummrige Licht. Plötzlich lehnte sie an Ralfs Schulter. Er berührte mit einer Hand ihre Wange.
Erschrocken wich sie zurück. "Ich weiss nichts von dir."
"Ich konstruiere Dinge", erklärte er.
Sie sah ihn an. "Wie das Gebäude, in dem wir wohnen?"
"Ein solches Haus würde heute niemand mehr bauen. Der Unterhalt ist viel zu teuer."

Joan liess die Kleider zu Boden gleiten und betrachtete sich im Spiegel. Sie war immer dünn gewesen, aber der Anblick der Rippen, die sich deutlich unter der Haut abzeichneten, erschreckte sie. Sie hob den rechten Arm und betrachtete eine Narbe unter der Achselhöhle. Dave hatte damals zu viel getrunken und sie während einem Streit geschlagen, dabei war sie in eine Tischkante gestürzt. Sie hatte viel zu lange gebraucht, um die Beziehung zu beenden.
Sie beugte sich nach vorn und versuchte sich zu entspannen. Ihr Rücken schmerzte von den Stunden, die sie auf dem harten Stuhl vor der Schreibmaschine verbracht hatte. Mit grimmiger Entschlossenheit hatte sie eine alte Geschichte hervorgeholt und wieder zu schreiben begonnen.
Sie drehte den Wasserhahn zu und stieg in die dampfende Wanne. Die Hitze prickelte auf der Haut. Mit den Fingerspitzen massierte sie die Gesichtsmuskeln. Sie spürte, wie sie schläfrig wurde.

Dampf hing in der Luft. Eine Frau lehnte gegen das Spülbecken und kämmte ihre Haare. Sie hatte ein Tuch um den Leib gewickelt. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt, das Gesicht schmal, mit einer kleinen Nase.
"Möchtest du etwas trinken?"
Der Mann blieb in der Tür stehen. Er war nackt bis auf die Gläser, die er in den Händen hielt. Die blonden Haare hatte er nach hinten gekämmt, um das Kinn trug er einen kurzen Bart.
"Du bist wunderschön."
Er stellte die Gläser hin und schob die Arme unter ihr Badetuch. Seine Muskeln spannten sich, als er sie an sich zog. Der Duft ihres Körpers hüllte sie ein. Ihre Finger strichen seinen Bauch entlang. Er rutschte nach hinten. Sie schloss stöhnend die Augen, als er sich in ihr zu bewegen begann.
"Mach es mir richtig", keuchte sie.
Seine Hüften kreisten über ihrem bleichen Hintern. Dann strich warme Luft um seine Beine, ein Schatten fiel auf ihren Rücken. Er fand keine Zeit, zu schreien, als sein Leib aus der Frau gezogen wurde. Blut spritzte über die nackte Haut. Mit einem dumpfen Geräusch landete der leblose Körper neben der Dusche. Entsetzt richtete sie sich auf. Sie erstarrte, als sie die Gestalt sah, die ihre Schnauze in das dampfende Fleisch des Mannes tauchte. Mit einem hungrigen Knurren wandte sich die Bestie zu ihr hin.

"Ich habe über dieses Gebäude nachgedacht", sagte Ralf. "Etwas stimmt damit nicht."
Joan starrte aus dem Fenster. In ihrem Hinterkopf begann sich ein schmerzhafter Druck aufzubauen. Die Decke knarrte, als sich jemand in der Wohnung darüber bewegte.
"Ich habe diese fürchterlichen Träume."
Ralf breitete einige Blätter auf dem Tisch aus. "Die Pläne stammen aus dem Stadtarchiv", erklärte er. "Das Haus wurde von den Gründern der Stadt errichtet. Es gibt geheime Gänge und Räume hinter den Wänden. In den Kriegsjahren versteckten sich die Leute darin. Einige sind verzeichnet, doch es gibt bestimmt weitere, von denen niemand eine Ahnung hat." Er strich die Skizzen glatt. "Unter dem Dach befindet sich ein grosser Raum, eine Art Gewölbe, dessen Zugang zugemauert wurde, um Obdachlose fernzuhalten." Er grinste schief. "Die Leute hatten keinen ausgeprägten Sinn für soziales Verhalten damals."
Sie hatte Mühe, seinen Worten zu folgen. Sie wusste, dass es wichtig war, klar zu denken, doch es gelang ihr nicht.
Er sah sie besorgt an. "Du solltest ausziehen."
"Ich kann nirgendwo hin."
"Es gibt bestimmt Freunde."
"Ich kann die Wohnung hier nicht aufgeben."
Sie versuchte vergeblich, ein Lächeln auf die Lippen zu bringen. Dann begannen sich die Schatten hinter ihm zu bewegen. Eine Dunkelheit löste sich aus der Wand und wuchs an die Decke. Ihr Herz hämmerte schneller, gleichzeitig breitete sich eine lähmende Angst in ihr aus. Die Gestalt kroch aus der Finsternis und richtete sich hinter Ralf auf. Joan versuchte, ihn zu warnen, doch über ihre Lippen drang kein Laut. Eine Tasse fiel vom Tisch und zerbrach, brauner Kaffee floss über den Boden und mischte sich mit Blut. Ralfs Schreie kamen aus einer unwirklichen Ferne. Die eisigen Augen der Bestie liessen sie die ganze Zeit nicht los, während sie das Fleisch mit sich nahm.

Eine Uhr tickte an der Wand. Es war kurz nach acht, draussen begannen sich die Menschen in der Stadt zu regen. Joan starrte hilflos in die Dunkelheit, dann vergrub sie das Gesicht in den Händen. Traum und Wirklichkeit verwischten. Gedämpfte Musik kam aus einem Radiogerät, das auf dem Gestell neben dem Kochherd stand. Sie schlang die Arme um die Brust. Dann bemerkte sie die blutige Spur, die durch die Küche führte.
Ein Mann in einer schwarzen Lederjacke stand daneben.
"Die Tür war nicht verschlossen", erklärte er.
"Dave!" stiess sie aus. "Das ist nicht der richtige Zeitpunkt."
Sie schob sich an ihm vorbei und stürmte aus der Wohnung.
Er folgte ihr. "Du kannst nicht dein ganzes Leben davon rennen!"
Wütend blieb sie stehen. "Sei bloss still!"
Verdutzt starrte er sie an, dann erschien Selina neben ihm.
"Du zitterst, Schätzchen", sagte sie.
Joan zuckte zusammen, sie hatte die Schritte nicht gehört. Selina legte eine Hand um Daves Schulter. Ihre Augen funkelten im Dämmerlicht des Korridors. Sie trug ein dünnes Nachthemd, das wenig verhüllte. Daves Blicke richteten sich auf ihre Brüste. Michael Nite schälte sich neben Joan aus der Dunkelheit. Sie spürte, wie eine Kälte ihren Rücken hinunter lief.
Dave blickte sie fragend an. "Sind das Freunde?"
Selina öffnete den Mund, ihr Lächeln entblösste eine Reihe spitzer Zähne. Nite streckte einen Arm aus und hielt Joan die Hand hin.
"Komm!" forderte er sie auf.
Dave begann wie verrückt zu schreien, als Selina ihn in den Arm nahm und die Zähne in seinen Hals grub.

Wasser tropfte von der Decke und lief über Joans Stirn. Die Hitze wurde mit jeder Stufe, die nach unten führte, unerträglicher. Nite trug einen Kerzenleuchter, seine Gestalt glitt beinahe lautlos vor ihr durch die Dunkelheit. Selina leckte Daves Blut von den Fingern, um die Schultern trug sie seine Lederjacke.
"Was habt ihr Ralf angetan?" fragte Joan leise.
"Es gibt Geschichten, die man besser ruhen lässt", warnte Nite mit rauher Stimme. Er schob einen Finger unter ihr Kinn und hob den Kopf, bis sie in seine Augen blickte. "Einer der Leute, die in diesem Haus verschwanden, war sein Bruder."
Joan stöhnte.
Selina kicherte neben ihr. "Ein Mann mit Geheimnissen, wie aufregend."
Nite zog die Hand zurück. "Das ist etwas Besonderes", erklärte er. "Beide gehen den Weg des Fleisches."
Das Wasser sammelte sich in einem flachen Becken in der Mitte des Kellergewölbes. Das flackernde Kerzenlicht spiegelte sich darin. Die Hitze verdichtete die Luft, so dass sie kaum atmen konnte. Dann näherten sich Schritte, Ralfs Kleider waren schmutzig und mit Blut getränkt. Er hob langsam den Kopf, das Antlitz wüst geschunden. Als sie zu ihm eilte, nahm er sie in die Arme.
"Alles wird gut", schluchzte sie.
Mit einem schmerzerfüllten Keuchen krümmte er sich nach vorn, die Muskeln verknoteten sich unter der Haut.
Seine blutunterlaufenen Augen starrten sie an. "Es ist zu spät, Joan. Wir waren verloren, sobald wir das Haus betraten."
Wimmernd richtete er sich auf. Schweiss glänzte auf seiner Haut. Sie begann zu schreien, als Knochenplatten seinen Körper durchbohrten und das Fleisch auseinander brach. Messerscharfe Klingen zerteilten die Glieder, Blut spritzte über ihre Hände, während sich die Bestie durch das Fleisch frass und die leblose Hülle zu Boden sinken liess. Joan versuchte, zurückzuweichen, doch Selina hielt sie fest. Die erbarmungslosen Augen der Bestie richteten sich auf sie.
"Oh bitte, lasst mich gehen", flehte sie.
Das Wesen streckte die mörderischen Klauen aus.
"Die Bestie muss gefüttert werden", sagte Nite kalt. "Sie ist vollkommen. Wir sind ihre Diener. Sie gibt uns Nahrung und heilt unsere Wunden."
Joan begann sich in Selinas Armen zu winden, während die Bestie über den Boden auf sie zu glitt.
"Die Bestie hat dich auserwählt", flüsterte Selina an ihrem Ohr.
Beinahe zärtlich strich Nite über ihr Gesicht. "Nun wirst du die exquisite Pein erleben, die dir bestimmt ist."
Mit diesen Worten stiess er sie in die Arme der Bestie. Dunkler Schleim tropfte von den Gliedern des Wesens. Joan starrte in den mörderischen Rachen, Ralf war Futter zwischen diesen Zähnen geworden, und nun war sie an der Reihe. Klingen schnitten in ihr Fleisch und das warme Blut lief über ihre Haut. Der Rachen klaffte weit auseinander. Sie spürte, wie die Knochen nachgaben, dann wurde sie in die Luft gerissen und der dunkle Raum wirbelte um sie. Sie hörte das Brüllen der Bestie, bevor sie in einer Finsternis versank, die von reissenden Zähnen und blutendem Fleisch erfüllt war.

Der Asphalt glänzte. Den ganzen Abend durch war ein leichter Nieselregen gefallen, erst seit kurzem hatten die Wolken begonnen, auseinander zu treiben. Steve lehnte an der Mauer und beobachtete die Leute vor der Bar, während er an einem glimmenden Zigarettenstummel saugte. Durch den Eingang drang gedämpfte Musik, ein Türsteher stand gelangweilt daneben. Plakate klebten an der Wand. Eine Hardcore Band aus New York spielte. Steve kannte die Gruppe nicht. Einige Frauen auf der Strasse gefielen ihm, doch er hatte keine Eile. Es reichte ihm, Gesichter zu betrachten.
Dann blieb eine Frau neben ihm stehen. Sie trug einen kurzen Rock, am Kinn hatte sie eine schmale Narbe, doch das schadete ihrem Aussehen wenig.
"Einsam in der Nacht?"
Er zog das Zigarettenpaket aus der Jacke und hielt es ihr hin.
Sie blies den Rauch durch die Nase. "Die Band kann wirklich spielen."
Er zuckte mit einer Achsel. "Das ist gut."
Sie setzte sich auf einen Mauervorsprung neben ihm.
"Du bist nicht wegen der Musik hier." Sie legte eine Hand auf seinen Arm.
Er begann zu grinsen, er mochte Frauen, die keine Zeit verloren. Die Nacht verlief besser, als erwartet.
"Ich wohne nicht weit entfernt", erklärte sie.
Ihre Nähe begann ihn zu erregen. Sie schoben sich durch die Leute, die auf der Suche nach Unterhaltung durch die Strasse strömten. Sie führte ihn zum Eingang des Gebäudes auf der anderen Strassenseite. Der Lift war alt, das Haus wirkte baufällig. Doch er begleitete sie nicht ihres Geschmackes wegen. Sie schloss die Wohnung auf und schob ihn durch die Tür. Er streifte die eigenen Kleider achtlos nach unten. Die Berührung ihrer Haut raubte ihm den Atem, mit den Fingerspitzen begann er die Brustwarzen zu kneten.
"Warte." Sie stiess ihn auf das Bett.
Er streckte sich darauf aus und folgte ihr mit den Augen durch die Dunkelheit. Die Lichter der Nacht schimmerten auf ihrer Haut. Mit einer Hand massierte er den Penis.
"Komm her, du", forderte er sie auf.
Dann bemerkte er einen Schatten, der sich neben ihr bewegte.
"Was ist los mit euch!" rief er aus.
Ehe er aufspringen konnte, warf ihn ein harter Schlag in die Matratze zurück. Mit aufgerissenen Augen starrte er in ein Antlitz, das aus menschlichen Schädelstücken und Reihen messerscharfer Zähne bestand. Ein Mosaik menschlicher Teile. Mit einem Wutschrei kam er wieder hoch, doch der Schrei wurde zu einem schmerzerfüllten Geheul, als sich die Klauen in sein Fleisch bohrten.
Joan stand in der Dunkelheit. Der Zigarettenstummel glühte, während sie daran saugte. Sie wartete, bis die Bestie mit dem Mann fertig war und sie an die Reihe kam.

Das Haus der Bestie © 1997/99
Zuletzt bearbeitet: 3. Februar 2000

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